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07.02.2018 15:30 Uhr - 1. Bundesliga - Julia Nikoleit - handball-world.com

Über Frauen-WM, Prokop und sein Comeback im Tor: Bernhard Bauer im "Interview der Woche"

Bernhard BauerBernhard Bauer
Quelle: groundshots.de
Mit 67 Jahren gab Bernhard Bauer im vergangenen Monat sein Comeback zwischen den Pfosten. Der ehemalige Präsident des Deutschen Handballbundes sprang für seinen Heimatverein Neckarsulm ein und wurde bei der AH 40 Bezirksmeisterschaft mit seiner Mannschaft Vizemeister. Im Interview mit handball-world sprach Bauer jedoch nicht nur über seine Rückkehr auf das Parkett, sondern auch über die Weltmeisterschaft der Frauen, die Europameisterschaft der Männer, Bundestrainer Christian Prokop und die strukturelle Entwicklung des DHB.

Herr Bauer, Sie haben vor wenigen Tagen Ihr Comeback zwischen den Pfosten gegeben. Wie kam es dazu?

Bernhard Bauer:
Ich bin noch immer Mitglied meines Heimatvereins in Neckarsulm, in dem ich das Handballspielen erlernt habe. Seit ich 1985 mit dem Leistungshandball aufgehört habe, liegt in Neckarsulm wieder mein Spielerpass, da ich nach meinem Weggang im Jahr 1976 versprochen habe, wieder zurückzukehren, sobald ich mit Bundesligahandball aufhöre. Ich habe dann noch bis 1987 - ohne regelmäßiges Training - in Neckarsulm gespielt, um die sehr junge Mannschaft zu stabilisieren, obwohl ich schon längst nicht mehr in Neckarsulm gewohnt habe. Immerhin sind wir dann bis in die Regionalliga aufgestiegen und württembergischer Pokalsieger geworden.

Und der Kontakt blieb bis heute bestehen?

Bernhard Bauer:
Da ich ziemlich regelmäßig die Bundesligaspiele der Neckarsulmer Frauen besuche, hat mich bei dieser Gelegenheit ein Spieler unserer früheren Mannschaft, der damals gerade 18 Jahre alt war und in diesem Jahr 50 wird, gefragt, ob ich beim nächsten und letzten Spieltag der "Alten Herren" über 40 nicht mitspielen könne, weil ihr Torwart ausfallen würde. Ich habe dann gesagt, "wir können es ja versuchen, aber Du weißt, wie alt ich bin und kann daher für nichts garantieren."

Wie viel Zeit ist seit Ihrem letzten Spiel vergangenen?

Bernhard Bauer:
Ich stand seit dem letzten Spiel der HVW-Oldstars, das vor über acht Jahren stattfand, das erste Mal wieder im Tor. Mit den HVW-Oldstars, einer Mannschaft ehemaliger württembergischer Bundesliga- und Auswahlspieler über Fünfzig, hatten wir bis zu diesem Zeitpunkt mehrmals Benefizspiele zugunsten des "Vereins der Freunde und Förderer des Handballs in Württemberg" durchgeführt und fast immer - auch gegen deutlich jüngere Mannschaften - gewonnen.

Wie fällt das Fazit von Ihrem Einsatz aus? War es ein sportlich zufriedenstellendes Ergebnis?

Bernhard Bauer:
Natürlich war ich vor dem erneuten Gang zwischen die Pfosten skeptisch, weil ich sicher der mit Abstand älteste Spieler war. Doch ging es überraschend gut. Immerhin sind wir noch Vizemeister geworden und haben nur gegen eine Mannschaft verloren, die viel jünger und durchtrainierter als unser Team war. Gleichwohl glaube ich, dass viele davon überrascht waren, wie beweglich noch ein "alter Mann" sein kann. Und meine Quote war mit mehr als 50 Prozent gehaltenen Bällen auch noch recht ordentlich. Also man kann sagen: Es geht noch, zwar mit Muskelkater und blauen Flecken; doch ist es deutlich anstrengender als früher.

Themenwechsel: Bei der Frauen-WM in Deutschland waren Sie im LOK Bietigheim engagiert. Wie haben Sie das Turnier erlebt?

Bernhard Bauer:
In Bietigheim-Bissingen war über die gesamten Spieltage eine hervorragende Stimmung. Die Spiele waren spannend und teilweise hochklassig. Zudem war die EgeTrans-Arena an drei von fünf Spieltagen komplett ausverkauft. Der HVW hat außerdem gemeinsam mit der Stadt Bietigheim-Bissingen ein attraktives Rahmenprogramm erarbeitet, das ebenfalls dazu beigetragen hat, dass die Frauen-WM - zumindest hier im Süden - in bleibender Erinnerung sein wird. Dies kam allerdings nicht von ungefähr, denn wir hatten in unserem LOK bereits eineinhalb Jahre vor der WM mit den Vorbereitungen begonnen und konnten so auch auf unglaublich viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer bauen, die bei der WM versucht haben, den Gästen alle Wünsche zu erfüllen.

Wie haben Sie die Weltmeisterschaft als Gesamt-Ereignis wahrgenommen?

Bernhard Bauer:
Insgesamt war die Frauen-WM nach meinem Eindruck sehr gut organisiert und die Finaltage in Hamburg sogar ein echtes "Highlight", zu dem auch der überraschende, aber verdiente Weltmeister Frankreich beigetragen hat. Für mich wirklich enttäuschend war hingegen das Abschneiden unserer Frauen. Ich habe mir - ehrlich gesagt - mehr erhofft. Damit meine ich nicht die Halbfinalteilnahme, die vom DHB als Ziel ausgegeben war, sondern die Art und Weise wie das Team gespielt hat.

Könnten Sie das etwas genauer erklären?

Bernhard Bauer:
Es gab so gut wie keine konstante Leistung, sondern nahezu in jedem Spiel ein Wechselbad der Gefühle, das zum einen durch haarsträubende Fehler und zum anderen durch nahezu geniale Spielzüge ausgelöst wurde. Nachdem ich ja wirklich sehr viele Spiele in der Frauenbundesliga sehe, habe ich mich manchmal gefragt, ob dies wirklich die gleichen Spielerinnen sind, weil ich sie im Bundesligaalltag oft auf ganz anderem Niveau als bei der WM sah. Woran dies gelegen hat, frage ich mich noch immer.

Da ich nach wie vor ein großer Fan des Frauenhandballs bin, schmerzt es mich, wenn ich sehe, welche Chance die WM für unsere Mannschaft bot, die aber leider nicht genutzt wurde. Ich hoffe, dass man daraus lernt und Henk Groener die Chance ergreift, mit einem jungen und hungrigen Team einen Neuanfang in eine bessere Zukunft zu wagen. Man muss ihm und der Mannschaft allerdings die Zeit dazu geben und nicht wieder durch überzogene Erwartungen unüberwindbare Hürden oder lähmenden Druck aufbauen.

Das ist ein gutes Stichwort, darauf kommen wir gleich noch zurück. Vorher jedoch noch ein Schritt zurück nach Bietigheim. Dort sind Sie kürzlich als Beiratsmitglied der SG vorgestellt worden. Was werden Ihre Aufgaben sein?

Bernhard Bauer:
Als Beiratsmitglied für die SG Bietigheim-Bissingen Männer bin ich als vor allem Ansprechpartner und Ratgeber für die Geschäftsführung in den Bereichen Sport und Vermarktung. Ich kenne das wirtschaftsstarke Umfeld und das großartige Engagement der SG schon lange. Die Überlegungen, in Bietigheim-Bissingen etwas Dauerhaftes für den Spitzenhandball zu schaffen, haben mich überzeugt. Ich weiß, dass vor dem Traum "Erste Liga" ein steiniger Weg liegt, zumal das Ziel dann auch längerfristig erhalten werden soll. Zudem gilt es die Jugendarbeit so zu forcieren, dass die Talente hier ein professionelles Umfeld finden, in dem Schule und Leistungssport vereinbart werden können.

Warum haben Sie sich entschieden, sich zu engagieren?

Bernhard Bauer:
Ich habe gerne zugesagt, mitzuwirken, weil ich so zum einen mit einem hungrigen Team zusammenarbeiten kann und zum anderen etwas dazu beitragen kann, dass der Handball in Württemberg und der Region auch in Zukunft stark bleibt.

Auf welche Weise sind Sie dem Handball darüber hinaus noch verbunden?

Bernhard Bauer:
Ich bin und bleibe dem Handball mit Leib und Seele verbunden, weil ich als Spieler unglaublich viele eindrucksvolle und unvergessliche Erlebnisse mit unterschiedlichsten Menschen hatte, die mich beeinflusst und auch über den Sport hinaus geprägt haben. Deshalb war für mich klar, dass ich bereit bin, dem Handball etwas von dem zurück zu geben, was er mir gegeben hat - in welcher Funktion auch immer. Dabei habe ich mich immer als jemand gesehen, der vom Verein und vom Spieler her denkt und nicht wie manche Funktionäre in Verbänden, die - leider - oft im selbstgezimmerten Elfenbeinturm leben und vergessen, dass sie für die Vereine da sein sollten. Dies sage ich ganz bewusst, obwohl ich selbst ja auch Funktionär war. Aber ich habe nicht vergessen und dies erlebe ich ja immer noch hautnah, dass ohne die Arbeit vor Ort, ohne das Engagement vieler Menschen in den Vereinen nichts, aber auch gar nichts bewegt wird.

Mein Herz gehört vor allem der Jugend-und Talentförderung. Deshalb bin ich auch sehr gerne Vorsitzender des "Vereins der Freunde und Förderer des Handballs in Württemberg", den ich als HVW-Präsident gemeinsam mit einigen Mitstreitern vor 15 Jahren gegründet habe. Inzwischen hat der Verein mehr als 170 Mitglieder und stellt von Jahr zu Jahr jeweils bis zu 15.000 Euro für die Jugendförderung bereit. Als Ehrenpräsident des HVW begleite ich zudem die Verbandsarbeit und habe auch darüber hinaus einen recht engen Kontakt zu unseren Frauen- und Männerbundesligisten, für deren Anliegen ich immer ein offenes Ohr habe und zu helfen versuche, wo es mir möglich ist.

Kommen wir nun zum Stichwort "Druck" auf eine Nationalmannschaft in Verbund mit "Zeit geben" zurück: Wie bewerten Sie das Abschneiden der Deutschen Nationalmannschaft bei der EM?

Bernhard Bauer:
Über das Abschneiden der Deutschen Nationalmannschaft bin ich natürlich - wie viele Menschen auch - enttäuscht. Wobei ich nicht in erster Linie die Platzierung meine, sondern die Art und Weise wie die Mannschaft auf der Platte aufgetreten ist. Mir haben Konstanz, Präzision, klarer Spielaufbau, Enthusiasmus und Körpersprache gefehlt. Die vielen technischen Fehler, die sich durch das Turnier zogen, sind für mich immer noch genauso ein Rätsel, wie die Tatsache, dass man beispielsweise gegen Spanien kein Mittel gegen das Kreisläuferspiel fand und wie der "totale Blackout" in diesem Spiel, in dem man in kürzester Zeit buchstäblich alles verloren hat.

Können Sie die Diskussion über den Bundestrainer nachvollziehen?

Bernhard Bauer:
Die Heftigkeit der Diskussion über den Bundestrainer hat mich schon überrascht. Dies kann ich mir allenfalls dadurch erklären, dass für den "Wunschtrainer Christian Prokop", angefangen vom "sehr holprigen Auswahlprozess", über die Zahlung einer hohen Ablösesumme an Leipzig, bis hin zu den vom DHB geschürten unrealistisch hohen Erwartungen bei der EM, Maßstäbe gesetzt wurden, denen er als junger und neuer Trainer nur mit Glück gerecht werden konnte.

Denn wer wirklich geglaubt hat, dass der Halbfinaleinzug oder gar die Titelverteidigung eine Selbstverständlichkeit ist, hat entweder vom Handball und von der Leistungsdichte der Spitzenmannschaften wenig Ahnung oder ist überheblich. Ich kann mich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser Virus - vor allem auch im engen Umfeld der Mannschaft - einen guten Wirt gefunden hat. Damit hat man Christian schon von Anfang an keinen Gefallen getan.

Wie ist Ihre Meinung zu dieser Thematik?

Bernhard Bauer:
Wenn der DHB einen jungen Trainer wegen seiner bisherigen sehr erfolgreichen Arbeit und seiner Spielphilosophie für fünf Jahre verpflichtet, obwohl es ja durchaus kritische Stimmen gab, dann muss man ihm nicht nur die Zeit, sondern auch die Rückendeckung geben, die er benötigt, um die Inhalte und Ziele durchzusetzen, für die man ihn verpflichtet hat. Es ist vermessen, widersprüchlich und fraglich unter solchen Voraussetzungen für die EM - als sein erstes großes Turnier - den Halbfinaleinzug als Minimalziel zu formulieren und insgeheim auch von der Titelverteidigung zu schwadronieren. Zu schnell hat man offensichtlich vergessen, dass bei aller Freude und Begeisterung über den Europameistertitel 2016, neben unserer Unbekümmertheit, auch viel Glück zu dem Erfolg beigetragen hat und bei der WM 2017 nur ein neunter Platz das Ergebnis war.

Freilich hat auch Christian Prokop - wie übrigens jeder Trainer - zumal unter dem Druck der Öffentlichkeit, Fehler gemacht. Aber nun den Stab über ihn oder den Spielern zu brechen halte ich für falsch, denn zu viele in der Verbandsspitze haben auch ihren Anteil daran. Und jeder weiß, dass man nur mit einem guten Zusammenspiel aller erfolgreich sein kann. Deshalb darf die anstehende Analyse nicht nur eine Worthülse sein, sondern muss ohne Tabus, wirklich objektiv und ehrlich erfolgen. Dazu gehört dann aber auch die Beteiligung der Heimtrainer und Vereine der Nationalspieler, denn die werden von den Spielern inzwischen manches gehört haben, was vielleicht der DHB noch nicht weiß.

Die nächste große Aufgabe ist nun die Männer-WM 2019. Das Turnier wurde während Ihrer Präsidentschaft nach Deutschland geholt. Was muss der DHB aus Ihrer Sicht anstoßen, damit das Turnier ein Erfolg für den deutschen Handball wird?

Bernhard Bauer:
Wir haben die Weltmeisterschaft ja gemeinsam mit Dänemark in unsere beiden Länder geholt, um zu zeigen, dass zwei Handballnationen eng zusammenwirken wollen, um begeisternde, unvergessliche "Handballfeste" zu ermöglichen. Deshalb gilt es dieses Zusammenwirken erlebbar zu machen, nicht nur durch eine perfekte Organisation, sondern auch durch eine Partnerschaft, die unterstreicht, dass in Europa zwei Länder neue Wege gehen, um Handballbegeisterung zu wecken. Es wäre wunderbar, wenn dazu auch ein gemeinsames Rahmenprogramm beitragen würde, in dem sich beide Kulturen darstellen können und das auch Menschen zum Handball lockt, die bisher noch nicht den Weg zu einem Handballspiel gefunden haben.

Über allem steht natürlich auch der sportliche Erfolg. Damit meine ich nicht die Platzierung, obwohl wir bei unserer Bewerbung im Jahr 2013 von einem Endspiel zwischen Dänemark und Deutschland geträumt haben. Ich meine spannende, begeisternde Spiele unserer Nationalmannschaft, in denen sich jeder für den anderen zerreißt. Dies sind bleibende, unvergessliche Momente, die zugleich die Wurzeln für ein Wintermärchen sein können. Um dies zu schaffen, gibt es nichts anderes als Arbeit, Arbeit, Arbeit.

Und, abseits des Feldes: Sie haben als DHB-Präsident die Umstrukturierung maßgeblich angestoßen. Wie bewerten Sie die Entwicklung des Verbandes?

Bernhard Bauer:
Ich glaube, dass der DHB - was die Strukturen angeht - auf einem guten Weg ist. Es war am Anfang ein Kraftakt, den aber alle mitgetragen und auch finanziell unterstützt haben. Für diese Unterstützung bin ich noch heute dankbar. Dafür gebührt nicht nur der HBL und der HBF Lob, sondern vor allem den Landesverbänden, die einen Großteil der finanziellen Lasten getragen und uns im Präsidium einen Vertrauensvorschuss gewährt haben. Ich bin zuversichtlich, dass dieser Weg - wenn man ihn mit Augenmaß und einer gewissen Ehrfurcht vor der Leistung in den Vereinen geht -erfolgreich sein wird.

Allerdings muss ich gestehen, dass mir der Vorstand mit nunmehr fünf Vorstandsmitgliedern angesichts der Gesamtzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im DHB zu groß ist. In der AG Strategie gingen wir von drei Personen aus. Dies halte ich auch heute noch für ausreichend, denn fünf Vorstandsmitglieder findet man in vergleichbar großen Organisationen oder Unternehmen so gut wie nie. Man braucht ja nicht nur Häuptlinge, wenn man etwas erreichen will! Gleichwohl hoffe und wünsche ich mir, dass der DHB zu einem Verband wird, der erfolgreich für den Handball und alle, die diesen wunderschönen Sport begeistert ausüben, arbeitet.





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