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09.02.2018 14:00 Uhr - 1. Bundesliga - Julia Nikoleit - handball-world.com

DHB-Perspektivkader als Erfolgsmodell: "Es wird sich langfristig auszahlen"

Jonas Konrad (re.) und Marvin Cesnik pfeifen seit 2016 im PerspektivkaderJonas Konrad (re.) und Marvin Cesnik pfeifen seit 2016 im Perspektivkader
Quelle: Michael Kleinjung/DHB


Nils SzukaNils Szuka
Quelle: Sascha Klahn/DHB
Die männliche Jugend-Bundesliga hat nach Weihnachten wieder Fahrt aufgenommen - und damit ist die Winterpause auch für den Schiedsrichternachwuchs aus dem Perspektivkader des Deutschen Handballbundes beendet. 30 Gespanne aus ganz Deutschland werden dort gefördert und sammeln in der JLBH sowie der 3. Liga ihre ersten Erfahrungen auf DHB-Ebene. 2016 wurde die neue Fördermaßnahme vom Schiedsrichterausschuss eingeführt - und die Bilanz fällt positiv aus.

"Wir sind mit den Leistungen sehr zufrieden - sowohl die Werte der neutralen Beobachtungen als auch der Vereinsbeobachtungen liegen deutlichen über den Werten des Vorjahres", betonte Nils Szuka bereits am Ende der vergangenen Saison. Auch seine eigenen Eindrücke waren durchweg überzeugend - er lobt: "Natürlich haben noch nicht alle Gespanne dieselbe Qualität, aber was ich gesehen habe, war wirklich gut."

Der ehemalige Bundesligaschiedsrichter Szuka, der sich als Ansetzer für den Bundesligakader bis heute im DHB engagiert, entwickelte in einer Arbeitsgruppe gemeinsam mit dem Chef-Beobachter Thorsten Zacharias und Schiedsrichtersprecher Ronald Klein das Konzept des Perspektivkaders. Hintergrund war die Herausforderung, genug Referee-Nachwuchs für den Leistungsbereich zu rekrutieren.

"So überzeugend die Qualität der Schiedsrichter in den Spitzenkadern ist, so gravierend sind die Schwierigkeiten bei der Nachwuchsförderung in der Breite", schrieb Szuka Anfang 2016 im Fachmagazin "der handballschiedsrichter", das quartalsweise im Philippka-Verlag erscheint. "Der Bedarf an jungen, qualifizierten Schiedsrichtern für die 3. Ligen bzw. Jugendbundesligen, die dann den Weg in die Bundesliga schaffen könnten, muss gedeckt werden!".

Um das zu erreichen, entstand die Idee des Perspektivkaders. Um diesen zu schaffen, wurden die Nachwuchskader der 3. Liga und der A-Jugend-Bundesliga zu einem Kader zusammengelegt. So werden die Talente aus den Landesverbänden in einem Pool gesammelt; die Verantwortlichkeit für den Perspektivkader liegt bei der Schiedsrichterkommission des DHB.

Die Anzahl ist dabei nicht festgelegt. "30 Gespanne ist unser Richtwert, aber wenn es am Ende 31 oder 32 werden, weil uns bei den Sichtungen ein, zwei Gespanne mehr überzeugt haben, ist das kein Problem", so Szuka. "Wir wären ja nicht klug, vielversprechende Talente nur wegen einer Zahl nicht zu nehmen."

Der Perspektivkader in sich ist noch einmal in zwei Gruppen unterteilt. Die Gespanne der ersten Gruppe werden auf DHB-Ebene nur in der Jugend-Bundesliga eingesetzt und sammeln zusätzliche Erfahrung in den höchsten Spielklassen ihres Landesverbandes. Die zweite Gruppe ist bereits etwas weiter in ihrer Entwicklung und erhält erste Einsätze in der 3. Liga. "Wir wollen die Gespanne entwickeln", betont Szuka. "Die Einteilung ist daher auch nicht fest in Stein gemeißelt; wir reagieren im Saisonverlauf flexibel, wenn ein Gespann konstant gut - oder schlecht - ist."

Im September 2016 fand der erste gemeinsame Lehrgang des Perspektivkaders statt. Neben dem jährlichen Seminarwochenende findet das Coaching jedoch die gesamte Saison über statt. Es gibt Schulungen im sportlichen und organisatorischen Bereich, zudem werden alle Spiele vor- und nachbereitet. Auch für die Persönlichkeitsentwicklung und Stressresistenz gibt es Coachings. Die jungen Schiedsrichter bekommen zudem über das Videoportal Sportlounge - das auch die Spitzenkader des DHB verwenden - regelmäßiges Feedback. "Wir nutzen das sehr intensiv", sagt Szuka.

Zweimal im Jahr gibt es außerdem einen Videotest. "Das ist sehr zeitaufwendig, aber die Arbeit ist es wert", ist der Ex-Schiedsrichter überzeugt. "Es wird sich langfristig auszahlen." Inzwischen wurden acht weibliche Gespanne in den Perspektivkader integriert, welche die Spiele in der weiblichen Jugendbundesliga leiten. "Die guten Erfahrungen mit dem Perspektivkader sollen auch den Mädels zu Gute kommen", erläutert Szuka.

Einer, der ebenfalls von der intensiven Arbeit profitiert, ist Jonas Konrad. Das Schiedsrichtertalent aus dem HV Mittelrhein steht gemeinsam mit seinem Gespannpartner Marvin Cesnik seit 2016 im Perspektivkader; das Duo leitet inzwischen auch regelmäßig Spiele in der 3. Liga. "Man kann sich beim Pfeifen auf einem ganz anderen Niveau entwickeln", schwärmt der junge Unparteiische. "Die Qualität der Beobachter, die selbst auf einem sehr hohen Niveau gepfiffen haben, ist etwas ganz besonderes und durch intensive Coachings wie beim Länderpokal macht man einfach riesige Sprünge. Es ist alles viel professioneller." Ihn haben die Erfahrungen, die er durch den Perspektivkader sammeln durfte, "auf jeden Fall menschlich weitergebracht und den Berufseinstieg erleichtert".

Zudem ermöglicht es der Kader den aufstrebenden Schiedsrichtern, Gleichgesinnte zu treffen. "Im Landesverband waren wir mit Abstand die jüngsten und haben gemeinsam mit 50-Jährigen auf den Lehrgängen gesessen, die gar nicht höher pfeifen wollten. Da gab es keine großen Gemeinsamkeiten", erinnert sich Konrad. "Im Perspektivkader wollen wir alle das gleiche: Nach oben in die Bundesliga. Das ist cool und verbindet." Über die Teilnahme an den DHB-Stützpunkten lernen die jungen Schiedsrichter zudem die Elitekader- und Bundesligakader aus ihrer Region kennen - und können von deren Erfahrungen profitieren.

Konrad und Cesnik wissen jedoch ebenso wie ihr Ausbilder Szuka, dass der Weg in die Bundesliga ein langer Weg ist, den nicht alle Gespanne aus dem Perspektivkader gehen werden. "Nur ein ganz kleiner Prozentsatz wird es wirklich in die absolute Spitze schaffen und nur ein weiterer kleiner Prozentsatz wird es in die 2. Bundesliga schaffen", betont Szuka. Insofern sei der Perspektivkader ein Stück weit auch für die Förderung des Breitensports gedacht. "Wenn von den 30 Gespannen 25 wieder in ihren Landesverbänden oder auch "nur" der 3. Liga landen, gibt es dort bessere Schiedsrichter - insofern werden alle davon profitieren."

Die nächste Stufe, die auf den Perspektivkader folgt, wäre entweder der Drittligakader - oder der DHB-Nachwuchskader. Dieser hat sich als Fördermaßnahme für die Spitze bereits bewährt, wie sich u.a. am Beispiel der IHF-Schiedsrichter Robert Schulze und Tobias Tönnies ablesen lässt. Wegen der notwendigen Verknüpfung hat der Schiedsrichterausschuss daher beschlossen, dass der ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter Bernd Ullrich, der auch den Nachwuchskader leitet, sich gemeinsam mit mit Szuka für den Perspektivkader verantwortlich zeichnen soll.

"Die sechs bis acht Gespanne aus dem Nachwuchskader haben den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung gemacht und kommen auch in der 2. Bundesliga zum Einsatz", umreißt Bernd Ullrich die Rahmenbedingungen, betont jedoch: "Der Regelaufstieg abseits des Perspektivkaders bleibt natürlich bestehen". Wem also nicht direkt über den Perspektivkader der Schritt in die 3. Liga oder den Nachwuchskader gelingt, hat über seinen Landesverband weiterhin die Chance. Zwölf Gespanne steigen jedes Jahr aus den Landesverbänden in die 3. Liga auf; der Perspektivkader stellt für junge Gespanne somit lediglich einen Tenure-Track da, einen schnelleren Weg.

Die Erfahrungen der vergangenen anderthalb Jahre zeigt jedoch nicht nur eine Leistungssteigerung des Schiedsrichternachwuchses, sondern auch eine Verbesserung der Kooperation zwischen Landesverbänden und DHB. "Die Landesverbände lassen sich darauf ein und fragen nach: "Was können wir noch machen und wie schlagen sich unsere Gespanne?", freut sich Szuka. "Es ist ein ganz anderes Klima in der Zusammenarbeit."

Neben Szuka, der die Ansetzungen für die Jugend-Bundesliga koordiniert, hält auch Ullrich stetig Rücksprache zu den Landesverbänden; die jungen Gespanne pfeifen bis zu zwei Wochenenden noch in ihrem Landesverband. "Darauf legen wir einen großen Wert. Es ist wichtig, dass da der Kontakt bestehen bleibt, denn am Ende des Tages nehmen wir nicht jeden mit auf die nächste Stufe", so Szuka. "Am Ende ist es eine Leistungsentscheidung. Die Guten wollen wir haben - das ist im Sport nun einmal so. Das wissen wir alle."

Der DHB-Perspektivkader in der Saison 2017/18

Dennis Müller / Christof Seeger (Württemberg)
Mark Bertram / Florian Deyer (Rheinhessen)
Hendrik Dieckmann / Alexander Riemer (Niedersachsen)
Leonhard Bona / Malte Frank (Niederrhein)
Hendrik Engelhardt / Tobias Meyer (Niedersachsen)
Marvin Cesnik / Jonas Konrad (Mittelrhein)
Niklas Majstrak / Toni Reinhardt (Sachsen-Anhalt)
Konrad Gimmler / Jannik Rips (Sachsen-Anhalt)
Alexander Scheller / Nikolas Walther (Niedersachsen)
Erkan Günay / Simon Krebs (Westfalen)
Florian Baltz / Luca Michels (Baden)
Lukas Müller / Robert Müller (Brandenburg)
Konstantin Großer / Christopher Witt (Berlin)
Rico Hochstein / Julian Wiedenmann (Mittelrhein/Rheinland)
Nicolas Jaros / Felix Thrun (Württemberg)
Alexander Kieslich / Morten Renner (Mecklenburg-Vorpommern)
Alexander Barth / Dustin Otto (Westfalen)
Sven Levermann / Christian Rietenberg (Westfalen)
Janis Brandt / Hendrik Thies (Westfalen)
Maximilian Engeln / Felix Schmitz (Niederrhein)
Andre Geiss / Marco Kretzler (Baden)
Fabien Ruhl / Dominik Klages (Niedersachsen)
Alexander Kittel / Lars Erik Scharfe (Brandenburg)
Toni Hempel / Tizian Tralles (Thüringen)
Fabian Foucar / Darwin Walter (Hessen)
Daniel Bierhals / Benet Priesing (Sachsen-Anhalt)
Julius Buldmann / Marco Schulz (Schleswig-Holstein)
Pascal Kübler / Fabian Schwarz (Niedersachsen)
Pascal Bohn / Lukas Zeller (Hamburg)
Stefan Haderlein / Tanja Haderlein (Bayern)
Jonas Ansohn / Adrian Sekiraca (Berlin)

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