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09.04.2014 16:50 Uhr - 1. Bundesliga - Ronald Maier

"Vier Partner müssen mitspielen": Conny Wilczynski beim 3. Kempa Praxis-Forum Handball

Konrad WilczynskiKonrad Wilczynski
Quelle: WESTWIEN/Pucher
Von 2006 bis 2011 spielte Conny Wilczynski bei den Füchsen Berlin und wurde als erster und bislang einziger Österreicher in der Saison 2007/08 Torschützenkönig der DKB Handball-Bundesliga. Vor knapp drei Jahren zog es den Österreichischen Nationalspieler zurück in seine Heimatstadt Wien. Als geschäftsführender Manager verantwortete er die Geschicke des Hauptstadtclubs SG INSIGNIS Handball WESTWIEN und ist auch noch auf Linksaußen als Spieler aktiv. Im Interview mit handball-world.com berichtet der 32-Jährige über seine Erfahrungen als Clubmanager sowie die Unterschiede zwischen deutschem und österreichischem Vereinshandball. Conny Wilczynski wird aber am 5. September 2014 auch Referent beim 3. Kempa Praxis-Forum Handball in der CommerzbankArena in Frankfurt sein. Seine Erfahrungen in Wien und seine Vorstellungen als Clubmanager dürften interessante Einblicke für Vereinsvertreter an der Schnittstelle vom Amateur- zum Profibereich sein.

Seit 2011 sind Sie nach fünf Jahren in Deutschland wieder in Ihrer österreichischen Heimat. Welche Unterschiede zwischen der DKB Handball-Bundesliga und der Handball Liga Austria fallen Ihnen auf?

Conny Wilczynski:
Der Stellenwert des Handballsports ist in Deutschland höher als in Österreich. Ich bin der Meinung, dass der Sport nur dann erfolgreich sein kann, wenn vier Partner mitspielen: Der Handball selbst, die Wirtschaft, die Politik und die Medien. Um Erfolg zu haben müssen alle vier Partner mitziehen, das funktioniert beim deutschen Vereinshandball besser als in Österreich. In Österreich ist das regional sehr unterschiedlich, aber wir tun uns sehr schwer alle vier Facetten abzudecken. Ein großes Thema ist aber auch die Infrastruktur. Hier haben wir kleine Handballhallen, in Deutschland überwiegend Eventarenen.

Jetzt sind Sie im dritten Jahr bei Westwien als Clubmanager aktiv. Konnten Sie da überhaupt etwas aus Deutschland für Ihre Arbeit mitnehmen?

Conny Wilczynski:
Mich hat aus den fünf Jahren in Berlin die grundsätzliche Sichtweise und Philosophie der Füchse geprägt. Hinter einem Verein steckt eine Idee, die man langfristig umsetzen muss. Das gilt im Großen wie im Kleinen und das ist auch der Weg, den wir dabei sind in Westwien umzusetzen. Sicherlich ist uns Deutschland hinsichtlich Professionalität weit voraus. Aber man muss einfach Anregungen mitnehmen und sich bewusst sein, dass man die nicht einfach kopieren kann. Man kann die Ideen und Anregungen aber adaptieren, weiterentwickeln und dann passend zu den eigenen Verhältnissen umsetzen.

Das ist ja auch die Intention des 3. Kempa Praxis-Forum Handball. Können Sie im Vorfeld schon ein Geheimrezept verraten?

Conny Wilczynski:
Geheimrezepte gibt es im Sport nicht. Anregungen und Ideen kann man sich immer und überall holen. Dann muss man aber schauen, was der eigene Verein braucht und wovon man sich die größte Wirkung verspricht. Dafür ist es wichtig sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Wir brauchen nicht immer nur externe Experten, wir können untereinander lernen. Deshalb gefällt mir ja auch die Idee des Praxis-Forums und habe auch gern meine Teilnahme zugesagt. Auch wenn ich dieses Jahr einen aktiven Part haben werde, ich will mindestens genauso viel mitnehmen, wie ich in der CommerzbankArena an Anregungen an die Teilnehmer geben kann.

Wie lösen Sie das in Ihrer täglichen Arbeit?

Conny Wilczynski:
Das funktioniert zum Beispiel immer noch über Kontakte. So hat mich beispielsweise Bob Hanning sehr bei meiner Arbeit in Westwien unterstützt. Auch wenn wir Westwiener vielleicht etwas mehr profitieren, so ist auch Bob der regelmäßige Austausch wichtig. Wir Vereine sind nicht nur Konkurrenten, wir sind auch Kooperationspartner. Das muss man halt auch begreifen, Westwien und die Füchse Berlin profitieren davon seit gut einem Jahr ganz direkt als Kooperationspartner.

Sportlich haben die Füchse und Westwien aber nichts miteinander zu tun, wie profitieren Sie dann gemeinsam?

Conny Wilczynski:
Wir haben zum Beispiel mit den Füchsen und Handball Bregenz einen gemeinsamen Sponsor, Bonbonmeister Kaiser. Das ist ein Sponsoringmodell das nur zustande kam, weil die Füchse Berlin, Bregenz Handball und die SG Insignis Handball Westwien zusammen kooperiert haben. Anstatt uns gegenseitig auszuboten, gegeneinander zu bieten und wenn es ganz dumm läuft alle drei ohne Sponsor dazustehen, haben wir kooperiert. Gemeinsam und auf einander abgestimmt, konnten wir Kaiser ein interessantes Gesamtpaket bieten und ihnen somit den Einstieg in den Handballsport attraktiv gestalten.

Außerdem kommen die Füchse am 5. August bereits zum zweiten Mal nach Wien, um im Rahmen eines Freundschaftsspieles das Westwien Saison-Opening zu feiern! Des weiteren haben in den beiden vergangen Jahren auf Einladung der Füchse unsere Jugendmannschaften am gut besetzten Lekker-Cup in Berlin teilgenommen. Es gibt viele Ansätze und Ideen, wir versuchen durch regelmäßigen Kontakt, immer wieder neue Wege zu gehen.

Welchen Weg schlagen Sie dabei in Westwien konkret ein?

Conny Wilczynski:
Wir dürfen nicht den Fehler machen unseren Handballsport nur auf die 60 Minuten auf dem Spielfeld zu reduzieren. Bei Westwien habe ich von Beginn an versucht parallel verschiedene Bereiche zu heben. Dazu gehört die soziale und gesellschaftliche Verantwortung, der wir uns über eine intensive Jugendarbeit stellen - von den Jugendtrainings bis hin zu intensiven Schulkooperationen. Das ist mindestens genauso wichtig wie die klassische Vermarktung, inzwischen profitieren wir davon auch sportlich. Außerdem verfolgen wir immer noch unsere Vision einer eigenen Halle. Wir wollen uns langfristig an der österreichischen Spitze etablieren. Dies gilt aber nicht nur für den sportlichen Bereich, sondern vor allem auch für das gesamte Umfeld.

Wie sieht da Ihre Philosophie aus?

Conny Wilczynski:
Wir investieren nicht in den kurzfristigen Erfolg, stattdessen versuchen wir langfristig einen Verein aufzubauen und weiter zu entwickeln. Letztes Jahr haben wir bewusst darauf verzichtet auf Rechtsaußen noch einen ausländischen Spieler zu verpflichten. Das Geld haben wir stattdessen in die eigene Struktur investiert. Und jetzt kommt die Phase und die Zeit, in der wir die ersten Früchte ernten. Mit sehr vielen Spielern der eigenen Jugend stehen wir derzeit auf dem zweiten Rang und schaffen uns eine gute Ausgangsposition für die Play-offs. Es hat sich ausgezahlt die verschiedenen Bereiche parallel voranzubringen.

Was sind Ihre nächsten ziele auf diesem Weg?

Conny Wilczynski:
Unsere größte Vision ist eine eigene Halle, das sind viele kleine Projekte mit vielen Partnern, daran arbeiten wir. Unser Ziel habe ich mal so formuliert, dass wir österreichischer Meister mit Eigenbauspielern im Westen Wiens werden wollen. Da steckt eigentlich alles drin, was unsere Ziele sind. Sportlicher Erfolg über die anvisierte Meisterschaft, dazu Eigenbauspieler, also Spieler aus der eigenen Jugend und dann eben die eigene Halle im Wiener Westen, unserer Heimat. Wenn wir das schaffen, dann haben wir sehr, sehr viel erreicht. Bis dahin ist es aber auch noch ein weiter Weg.

Sie sprechen immer von mehreren Bereichen und vom "Produkt Westwien", was verstehen Sie darunter?

Conny Wilczynski:
Das Produkt Westwien ist der Gesamtverein, es wäre ein Fehler das Produkt nur auf die erste Mannschaft zu reduzieren. Das gesamte Produkt definiert sich über alle Mannschaften hinweg, aber auch über viele Randthemen, beispielsweise auch über Schulaktionen. Wir nehmen bald mehr Geld über innovative Themen ein als über klassische Sponsoringformen wie Trikot- und Bandenwerbung bei den Profis.

Aber wie kommt man über solche Aktionen zu Geld?

Conny Wilczynski:
Man muss innerhalb des Gesamtprodukts innovative Ideen haben und darf nicht aus dem Auge verlieren, was den Sponsor interessiert. Wenn ich zum Sponsor sage, ich bräuchte Geld für Jugendarbeit, dannn findet der das meistens gut, kann es aber nicht greifen. In der Wiener Stadthalle veranstalten wir das größte österreichische Minihandballturnier mit 400 Kindern und deren Eltern. Darüber berichtet Laola.tv, das Turnier findet eine breite Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Das ist dann ein Paket, das für Sponsoren interessant ist. Wir haben dieses Paket für 2014 an Bonbonmeister Kaiser verkauft, weil sie damit direkt ihre Zielgruppe erreichen und über die mediale Berichterstattung noch öffentliche Aufmerksamkeit erreicht.

Also ein Plädoyer für unkonventionelle Ideen und Wege?

Conny Wilczynski:
In gewisser Weise schon, aber mit Sicherheit nicht als pauschale Aussage. Darüber kann und will ich mich ja dann auch beim Praxis-Forum austauschen. Ich habe beispielsweise sehr gute Erfahrungen mit Barter-Deals gemacht, aber wie sehen das andere Clubs? Letztlich brauche ich gewisse Standardpakete mit klassischen Werbeformen und kann darüber auch Einnahmen generieren. Aber ich muss auch erkennen, wenn ein Sponsor eine Alternative haben möchte. Dann kann ich sein Engagement eher erhöhen, als wenn ich ihm die Bandenfläche verdoppele.

Dann bedanken wir uns für heute für den Einblick und sind auf das Praxis-Forum gespannt.

3. Praxis-Forum Handball

Termin: 05. September 2014, Commerzbank Arena Frankfurt
Weitere Informationen zur Veranstaltung und Registrierung: » praxisforum-handball.de



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