10.02.2016 09:40 Uhr - 1. Bundesliga - Kommentar von Christian Ciemalla

Weltanschauung: Versenkt im Sehnsuchtsloch oder Kabinenpredigt f├╝r Eilenberger

Unter dem Punkt Weltanschauung blickt handball-world.com auf Themen, die die Handball-Welt bewegen. Am gestrigen Tag war dies ein Text ├╝ber den Handball bei Zeit Online aus der Reihe Kabinenpredigt, einer Kolumne von Wolfram Eilenberger - Chefredakteur des Philosophie Magazins. Chefredakteur Christian Ciemalla hat Kabinenpredigten geh├Ârt, hat selbst welche gehalten und sie erwidert, wo sie aus seiner Sicht nicht unwidersprochen bleiben durften. Daher, und ohne die von gegenseitiger Offenheit gepr├Ągte und von Eilenberger bem├╝hte besondere Atmosph├Ąre der Kabine zu verlassen, auch an dieser Stelle ein Kommentar als Gegenrede.

Wolfram: Wer im linken Mittelfeld spielt, sollte nicht zu weit rechts auftauchen - verbal verdribbelt, oder Dein Ernst? Auf twitter nanntest Du Dein St├╝ck zum deutschen Handball eine "Probebohrung in der Volksbefindlichkeit", sp├Ąter erkl├Ąrtest Du, dass die Frage dahinter laute: "Was macht einen Sport integrationsresponsiv? Hat der Handball da ein Problem?" Nachher in einem tweet erkl├Ąren, was eigentlich das Thema einer seitenlangen Kolumne war ... Merkste selber, oder?

"Blutnah und widerst├Ąndig" hei├čt es zum Handball in der Unterzeile Deiner "Alternative f├╝r Deutschland", eine Kolumne in der es um "kartoffeldeutsche Sehns├╝chte" geht, um das "Keilen von Kreisst├Ądten auf Weltniveau", um verquer hineingeworfene ostdeutsche Bundesligastandorte, schr├Ąge Bilder mit Fu├čball als Merkel und Handball als Petry. Mit S├Ątzen wie "Ehrlicher Sport von ehrlichen M├Ąnnern f├╝r ehrliche B├╝rger" oder "Ich k├Ânnte jetzt noch sagen, dass der einzige Ausl├Ąnder des Teams, der Trainer, aus Island stammt und das ebenfalls perfekt ins nordisch-arisierte Bild passt." Mensch, Wolfram: Kleiner Tipp, in Nationalteams gibt es oftmals nicht so viele Ausl├Ąnder.

Gut, es war nat├╝rlich auch nicht alles schlecht in Deinem Text: Im Gegensatz zum Fu├čball, in dem in der Bundesliga Metropolen wie Ingolstadt, Wolfsburg, Darmstadt, Augsburg, Gladbach, Schalke oder Leverkusen vertreten sind, wirken St├Ądte wie Hannover, Stuttgart, Leipzig oder Mannheim einfach provinziell, Reinickendorf kann nat├╝rlich auch nicht mit Charlottenburg-Wilmersdorf mithalten, Wetzlar nicht ansatzweise an das kosmopolitische Zentrum Hoffenheim heranreichen und der THW Kiel wird sogar von der Provinzial gesponsert. Alles richtig. Aber, ich verstehe immer noch nicht, wie h├Ąngt die Gr├Â├če der Stadt jetzt mit was zusammen?

Und, hab ich richtig verstanden: Wer eine Mannschaft bejubelt, deren Spieler allesamt deutschklingende Vornamen haben - der muss sich nach der deutschen Reihenhausvergangenheit der achtziger Jahre sehnen und daher gilt: "Wenn Fu├čball Merkel ist, ist Handball Petry."

Dieser Logik folgend w├Ąre im Handball ├╝brigens Katar Integrationsweltmeister, vielleicht erkl├Ąrt Dir das jemand aus der Sportredaktion.

Ach, und apropos Redaktion: Jochen, Maria, Markus, Martin, Christoph, Meike, Kirsten, Christian, Katharina, Monika, Alexander, Karsten, Kai, Philip, Astrid, Sascha...

Schau mal in Euer Impressum und wiederhole Deine eigenen Worte "Alle Achtung! Das muss man 2016 in diesem Land erst einmal hinbekommen." Oder anders: Wenn Fu├čball Merkel ist, ist Die Zeit Petry.

Vielleicht gibt es ganz andere Gr├╝nde f├╝r die Begeisterung am Handball. Vielleicht, nur so als Idee, vielleicht wird diese Handball-Nationalmannschaft einfach aufgrund ihrer Leistung bejubelt, vielleicht werden die Spieler gemocht, weil sie keine gegl├Ątteten Million├Ąre sind, vielleicht kommt die N├Ąhe und die Authentizit├Ąt dieser Sportart an, vielleicht spielt im Handball die Herkunft gar keine Rolle und vielleicht w├╝rden Die ├ärzte mutma├čen, dass der eigentliche Grund f├╝r Deinen Hass auf den Handball nur ein Stiller Schrei nach Liebe ist. Ein Schrei, vielleicht unterbewusst, danach, dass der Fu├čball doch ruhig in einigen Punkten ein wenig mehr so wie Handball sein k├Ânnte. Vielleicht treffen sie Dein Sehnsuchtsloch.

In Sachen Integration k├Ânnte der Handball ein wenig mehr wie der Fu├čball sein, da hast Du Recht - in Sachen Gewalt, Homophobie und Rassismus beispielsweise ├╝brigens lieber nicht. Und, siehe oben, hinsichtlich der Integration k├Ânnten auch zahlreiche Chefredaktionen mehr wie der Fu├čball sein. Dass sie, der Handball und viele andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens es noch nicht sind, hat komplexe Gr├╝nde, Diskussionen dar├╝ber sind angebracht. Du aber bohrst an diesem Punkt in der Tat tief in der Volksbefindlichkeit: Warum sich informieren, wenn es doch Vorurteile gibt. Warum argumentieren, wenn unabh├Ąngig von dem Kabinensermon und jeglicher Logik am Ende des Textes das vorgefertigte Fazit sich selbst best├Ątigt.

"Ich glaube, dargelegt zu haben, weshalb dem Handball eine strahlende Zukunft vorausgesagt werden darf, mit stabilen Marktanteilen von bis zu 25 Prozent. Und auch, warum diese Handballzukunft auch in Zukunft ohne mich als Fan oder auch nur Zuschauer stattfinden wird", schreibst Du. Ganz ehrlich, einen Schei├č hast Du. Du hast aus einigen oberfl├Ąchlichen Betrachtungen eine abstruse "gesellschaftlich-politische Alternative" konstruiert und die eine Sache vermissen lassen, die sportart├╝bergreifend alternativlos ist: Respekt. Man muss den Handball nicht m├Âgen, aber Dein Text ist respektlos gegen├╝ber der gesamten Sportart und er ist vor allem einfach oberfl├Ąchlich, schief konstruiert und, Wolfram, er ist schlecht.

Schlechte Texte passieren. Nicht jeder Tag ist so wie der Finaltag von Andreas Wolff, manchmal ist ein Tag wie der Finaltag der Spanier oder der der Polen gegen Kroatien. Als Du den Text geschrieben hast, hattest Du vermutlich beide zusammen. Aber, wir sind ja in der Kabine. Da wird ├╝ber Fehler offen gesprochen, sich die Meinung gegeigt und dann ist gut. Also, lass es uns unter Sportlern regeln: Entschuldige Dich f├╝r den Mist, murmel was von "Kommt nicht wieder vor" und sieh zu, dass der Kasten Bier an Land kommt ...

Zum Beitrag von Wolfram Eilenberger bei Zeit Online:



Reaktionen:
















Meistgelesen:



Lesen Sie auch: