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04.03.2016 15:30 Uhr - 1. Bundesliga - Julia Nikoleit - handball-world.com

Im Fokus: IHF-Experte Prause erklärt für handball-world.com die neuen Regeln

IHF-Regelexperte Manfred Prause: "Diese Regeln sollen - das ist das Hauptziel - von der Basis bis ganz oben einheitlich sein."IHF-Regelexperte Manfred Prause: "Diese Regeln sollen - das ist das Hauptziel - von der Basis bis ganz oben einheitlich sein."
Quelle: Michael Heuberger
Sechs-Pass-Regel beim passiven Spiel und drei Angriffe Pause für einen verletzten Spieler: Mit der Veröffentlichung der neuen Handball-Regeln sorgte handball-world.com Anfang der Woche für einen Paukenschlag. Zahlreiche Fragen erreichten die Redaktion seitdem und in den sozialen Netzwerken wurden die Regeln heiß diskutiert. Für handball-world.com erklärt Manfred Prause, Vorsitzender der Regelkommission des Weltverbandes IHF, die Änderungen und betont: „Diese Regeln sollen - das ist das Hauptziel - von der Basis bis ganz oben einheitlich sein.“

Herr Prause, bevor wir auf die neuen Regeln einzeln eingehen, das wichtigste vorweg: Werden die Regeln in allen Spiel- und Altersklassen gelten?

Manfred Prause:
Ja. Diese Regeln sollen - das ist das Hauptziel - von der Basis bis ganz oben einheitlich sein. Der IHF-Kongress hatte 2015 in Sotchi - mit den Stimmen des DHB - beschlossen, dass die neuen Regeln am 1.Juli 2016 in Kraft treten. Der Präsident und der Generalsekretär des DHB waren vor Ort und sind dort über die neue Regeln informiert worden. Die Änderungen hätten nur zur richtigen Zeit an die richtige Stelle gegeben werden sollen.

Die Regeln sind ab 1. Juli gültig, sodass ausgerechnet die Olympischen Spiele das erste große Event ist, wo nach ihnen gespielt wird. Ist das nicht ziemlich riskant?

Manfred Prause:
Wir wollten bei der Frauen-WM in Dänemark mit diesen fünf Regeländerungen spielen und hatten auch alle Mitgliedsnationen darüber informiert. Wir haben aber auch gefragt, ob alle einverstanden sind und zwei Nationen haben das negativ beantwortet. Daher konnten wir in Dänemark doch nicht mit den neuen Regeln spielen. Die Konsequenz daraus ist jetzt halt, dass bei Olympia direkt mit den neuen Regeln gespielt werden muss - ebenso wie bei den weiblichen Jugend- und Juniorinnen-Weltmeisterschaften in Russland und der Slowakei.

Wird es die Möglichkeit für die Nationalmannschaften geben, die Regeln vorher zu „testen“?

Manfred Prause:
Wir haben nächste Woche eine Sitzung mit der Regelarbeitsgruppe und ich werde vorschlagen, dass bei Vorbereitungsspielen für Olympia die Möglichkeit besteht, dass die neuen Regeln angewendet werden können. Ich sage das mal so: Es ist zwar noch offen, aber ich bin guter Dinge, dass wir dafür eine gute Lösung finden. Wir müssen ja dafür sorgen, dass wir unsere Sportart bei den Olympischen Spielen bestmöglich präsentieren - und wenn wir Regelprobleme erkennen lassen, wäre das nicht gut.

Kommen wir nun nacheinander zu den Regeln:

1. Torwart als Feldspieler: 

So, wie in Deutschland die Regel mit den letzten 30 Sekunden getestet wurde, hat Island diese Regel ausprobiert. Wie war das Feedback aus Island?


Manfred Prause:
Island hat bei der Jugend-WM in Russland schon oft mit der Variante gespielt und danach gefragt, ob sie es für sich gleich übernehmen können. Eine offizielle Übernahme war sofort nicht möglich, aber wir sind ihnen dankbar, dass sie es als Test gespielt haben. Ich habe die Rückmeldung bekommen, dass man in Island sehr, sehr zufrieden damit ist und permanent mit dieser Art von Wechsel spielt.

Kann eine Mannschaft in einem Spiel variieren, ob sie ihren siebten Feldspieler kennzeichnet oder nicht? 

Manfred Prause:
Ja, die alte Version kann beibehalten werden - es kann also weiterhin ein mit Leibchen gekennzeichneter Spieler als „Torwart“ ins Feld kommen und in diesem Fall auch den eigenen Torraum betreten. Das Hauptziel dieser Änderung war es, das laufende Wechseln zu vereinfachen, denn oft sind die Trikots so verschwitzt, dass die Spieler das Leibchen nicht schnell ausziehen konnten. Daher haben wir gesagt: Wenn die Mannschaft schon einen weiteren Feldspieler bringt, kann er auch gleich so gekennzeichnet sein. Dabei gibt es aber die Einschränkung, dass kein Feldspieler ins Tor zurücklaufen kann, sondern der Torwart erst über den eigenen Auswechselraum wieder ins Spiel gebracht werden muss. Betritt ein Spieler ohne Leibchen den Torraum und verhindert damit einen Torerfolg, verursacht er einen Siebenmeter.

2. Verletzter Spieler

Wer kontrolliert die drei Angriffe, wenn kein Delegierter im Einsatz ist?


Manfred Prause:
Das haben wir bereits ergänzt: Es kontrolliert der Technische Delegierte bzw. der Zeitnehmer und der Sekretär. Natürlich ist der Zeitnehmer in unteren Spielklassen eventuell ungeschult, aber er überwacht schließlich auch die Strafzeiten. Ich denke, wir sehen es am Anfang immer zu negativ.

Als wir das Forum in Dänemark hatten, waren Spitzentrainer wie Dujshebaev, Olsson, Gudmundsson, Wilbek, Biegler und Brand gerade mit dieser Regeländerung sehr zufrieden,, „Jetzt hört endlich die Provokation und die Schauspielerei auf“ war der allgemeine Tenor. Und da wir die Regeln wie gesagt durchgängig von den Profis bis zur Basis haben wollen, werden wir das in den unteren Spielklassen nicht anders handhaben.

Was passiert, wenn ein Verstoß gegen die drei Angriffe nicht geahndet wird? Ist es dann ein Grund für einen Einspruch?

Manfred Prause:
Wenn der Spieler, der wegen Verletzung die Spielfläche verlassen musste, ohne Aufforderung des Schiedsrichter, Delegierten oder Kampfgerichts vor Ablauf der 3 Angriffe die Spielfläche betritt, begeht er grundsätzlich einen Wechselfehler. Wenn der Zeitnehmer oder Delegierte einen Spieler jedoch zu früh oder zu spät das erforderliche Zeichen zum Wiedereintritt gibt, ist das eine Tatsachenentscheidung und kann keinen Protest zur Folge haben.

Wenn zwei Spieler ohne Regelwidrigkeit zusammenstoßen und beide auf dem Feld behandelt werden müssen, müssen dann beide Spieler vom Feld? 

Manfred Prause:
Wenn sich die Spieler ohne ein Vergehen verletzen, erhalten sie natürlich auch die Möglichkeit zur Behandlung auf der Spielfläche - aber dann müssen sie auch für drei Angriffe vom Feld.

Jede medizinische Behandlung auf der Spielfläche erfordert danach also ein Verlassen der Spielfläche für drei Angriffe von dem behandelten Spieler?

Manfred Prause:
Grundsätzlich Ja. Es gibt aber zwei Ausnahmen. Wird ein Spieler durch ein regelwidriges Verhalten eines Gegners verletzt und dieser wird von den Schiedsrichtern progressive bestraft, braucht er nach der Behandlung die Spielfläche nicht zu verlassen. Gleiches gilt wenn ein Torwart aus dem Spiel heraus am Kopf getroffen wird und auf dem Spielfeld behandelt werden muss. Auch er muss anschließend die Spielfläche nicht verlassen.

Wenn die Schiedsrichter das Handzeichen zur Behandlung geben, ist es den Mannschaftsoffiziellen laut Regelwerk nicht erlaubt, das Betreten zu verweigern. Sollten diese das Spielfeld aber nicht mehr betreten müssen, weil der Spieler schon wieder aufsteht - muss er dann trotzdem für drei Angriffe die Spielfläche verlassen?

Manfred Prause:
Wenn sich ein Spieler verletzt, gebe ich als Schiedsrichter Time Out und versuche, mit dem Spieler in Kontakt zu kommen. Als erstes muss ich mich dann bemühen, bei dem Spieler festzustellen, ob er Hilfe braucht oder nicht. Wenn das Handzeichen zum Betreten der Spielfläche gegeben ist und die Offiziellen weigern sich das Spielfeld zu betreten, ist das als unsportliches Verhalten zu bewerten und muss entsprechend progressiv geahndet werden. Wenn das Handzeichen zum Betreten der Spielfläche gegeben worden ist, muss der Spieler die Spielfläche, abgesehen von den bereits genannten Ausnahmen, verlassen.

Was passiert, wenn die Mannschaft nur sieben Spieler zur Verfügung hat? Muss sie dann in Unterzahl weiterspielen?

Manfred Prause:
Ja.

In den hierzu formulierten Regeländerungen heißt es im Absatz 1: „Nach der medizinischen Behandlung auf dem Spielfeld muss der Spieler die Spielfläche verlassen.“ Was ist der Unterschied zwischen Spielfeld und Spielfläche? 

Manfred Prause:
Das ist hohe Schule des Regelwerkes, die mit den Regeländerungen an sich aber nichts zu tun hat (lacht). Das Spielfeld umfasst den Raum zwischen den beiden Torkreisen, die Spielfläche beinhaltet das Spielfeld und die beiden Torräume.

Einige Amatuerspieler haben auf diese Regeländerung reagiert, indem sie feststellten: „Dann kann man so ja versuchen, den besten Spieler des Gegners für drei Angriffe aus dem Spiel zu nehmen“. Könnte die Regel im Amateurbereich, wo es nur einen Schiedsrichter gibt, nicht sogar zu einer Erhöhung der Foulanzahl führen? 

Manfred Prause:
Ich sehe das eher umgekehrt: Die Spieler werden vorsichtiger sein, weil es mehr Strafen geben könnte. Wenn der Schiedsrichter eine Verletzung sieht oder vermutet, ist er eher bereit, eine progressive Strafe gegen den Gegenspieler auszusprechen. Zu einer Erhöhung der Fouls, da bin ich sicher, wird die Regel nicht führen. Denn grundsätzlich gilt ja erst einmal: Wenn ich einen Spieler verletzungsreif angreife, werde ich ja selbst progressiv bestraft - damit verschaffe ich mir ja keinen Vorteil, wenn ich eine Zeitstrafe bekomme, denn der Spieler darf dann ja nach der Behandlung weiterspielen.

Und was ist, wenn sich herausstellen sollte, dass die Regel doch zu einer höheren Anzahl an Fouls führt - weil das Spiel im Amateurbereich für einen Schiedsrichter zu unübersichtlich wird?

Manfred Prause:
Wenn wir nach ein, zwei Jahren feststellen, dass die Regel sich in dieser Form nicht umsetzen lässt, können wir sie entsprechend justieren. Jetzt sollten wir aber erst einmal abwarten, wie es läuft. Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass sich Teile der Änderungen als falsch oder schlecht herausstellen, aber dann können wir das immer noch korrigieren. Wir haben alle fünf Regeln in Russland und Brasilien ausführlich getestet und von allen Beteiligten - Trainern, Spielern, Schiedsrichter und Funktionäre sowie den anwesenden Medienvertreten - ein rundum positives Feedback erhalten

3. Passives Spiel: 

Die Sechs-Pass-Regel verschafft Klarheit, sobald das Vorwarnzeichen angezeigt wird - wann dieses angezeigt wird, bleibt weiterhin dem Ermessen der Schiedsrichter überlassen. Gibt es Überlegungen, das zum Beispiel durch die Einführung einer Shotclock ebenfalls zu vereinheitlichen? 


Manfred Prause:
Nein, auf keinen Fall. Die Trainer und Spieler haben in erster Linie moniert, dass die Schiedsrichter insbesondere nach dem Vorwarnzeichen nicht nach einheitlichen Kriterien agieren, wann sie auf passives Spiel entscheiden. Der Moment des Anzeigens sei nicht das Problem. Der Vorschlag zur Sechs-Pass-Regel kam, da erinnere ich mich genau an das Forum in Dänemark, von den Spitzentrainern selbst.

Es heißt in der Regelerklärung, die Mannschaft habe nun „insgesamt 6 Pässe“ zur Verfügung. Kann ein Schiedsrichter auch vorher abpfeifen, wenn durch zwischenzeitliches Prellen das Spiel verschleppt wird oder ein Pass nach hinten gespielt wird, weil er länger unterwegs ist? Oder müssen sechs Pässe zugelassen werden? 

Manfred Prause:
Da hat sich nichts geändert. Wenn die Schiedsrichter Spielverzögerungen erkennen, können sie ohne Anzeigen des Vorwarnzeichens zu jeder Zeit auf passives Spiel entscheiden - unabhängig davon, wie viele Pässe gespielt sind.

Wenn ein Spieler nach sechs Pässen auf das Tor wirft, der Ball aber vom Abwehrspieler geblockt wird und ins Toraus geht, ist das Zeitspiel ja weiterhin aktiv. Muss dann von der Ecke direkt aufs Tor geworfen werden? Oder trägt hier die gleiche Regelung wie ein Freiwurf nach dem sechsten Pass, wo man einen zusätzlichen Pass erhält? 

Manfred Prause:
Es kommt die gleiche Regelung zur Anwendung. Kommt es beim Vorwarnzeichen nach dem sechsten Pass zu einem Freiwurf, Einwurf oder einem Eckeinwurf, hat der Spieler die Möglichkeit, direkt zu werfen oder einen letzten Pass zu spielen.

4. Letzte Minute: 

Warum haben Sie die 60 Sekunden auf 30 Sekunden reduziert?


Manfred Prause:
Eine Minute war einfach zu lang. Früher konnte man in einer Minute vielleicht noch ein Tor erzielen, heute sind - dank der schnellen Mitte - zwei oder sogar drei möglich. Daher haben wir die Zeitspanne reduziert und das hat sich bewährt.

Wo zum Beispiel?

Manfred Prause:
Bei der Junioren-WM in Brasilien hat Deutschland im kleinen Finale gegen Ägypten gespielt. In der ersten Verlängerung steht es acht Sekunden vor Ende Unentschieden. Tor für Ägypten - sie haben zu diesem Zeitpunkt die Bronzemedaille. Der deutsche Torwart spielt den Pass zur Mitte, der ägyptische Spieler stört den Anwurf für Deutschland - Konsequenz: Rote Karte für den Spieler und Siebenmeter für Deutschland. Der Siebenmeter ist im Tor, es steht wieder unentschieden und es gibt eine zweite Verlängerung. Deutschland gewinnt am Ende Bronze. Ohne die Regeländerung wäre das DHB-Team auf Platz 4 gelandet. Der ägyptische Spieler hätte zwar eine Disqualifikation mit Bericht bekommen, aber da hätte er drüber gelacht. Das ist ein ganz klassisches Beispiel, dass wir mit der Regeländerung diese bewusste Unsportlichkeit unterbinden wollen.

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