20.06.2016 17:00 Uhr - 1. Bundesliga - Julia Nikoleit - handball-world.com

Die neuen Regeln unter der Lupe - Folge 1: Der siebte Feldspieler

Das Leibchen für den siebten Feldspieler ist nicht mehr zwingend vorgeschriebenDas Leibchen für den siebten Feldspieler ist nicht mehr zwingend vorgeschrieben
Quelle: Michael Heuberger
Blaue Karte, passives Spiel, der Umgang mit verletzten Spielern sowie die letzte Minute und der siebte Feldspieler: Die fünf Regeländerungen des Weltverbandes IHF sind ab 1. Juli 2016 gültig. In dieser Woche nimmt die Redaktion von handball-world.com jede Anpassung einzeln unter die Lupe. In der ersten Folge: Der siebte Feldspieler, der kein Leibchen mehr tragen muss.

Leibchen oder kein Leibchen, das ist in Zukunft die Frage. Die Regeländerungen bezüglich des siebten Feldspielers mag auf den ersten Blick eine sehr unscheinbare sein, doch auf den zweiten Blick birgt sie ein enormes taktisches Potenzial. „Diese Regel kann die größte Veränderung bringen“, betont auch DHB-Schiedsrichterlehrwart Jürgen Rieber. „Sie revolutioniert unser Spiel, denn seit ich denken kann, musste immer ein Torwart auf dem Feld sein - das gehört nun der Vergangenheit an. Die IHF will damit ein neues Element ins Spiel reinbringen.“

In Kurzform lässt sich die entsprechende Regeländerungen wie folgt zusammenfassen:
Der Torwart kann als siebter Feldspieler eingesetzt werden. Er muss nicht mehr zwingend mit einem Leibchen gekennzeichnet sein. Ist er das nicht, darf jedoch kein Feldspieler den Torraum betreten; der Torwart muss erst für einen Feldspieler eingewechselt werden.

Was heißt das nun konkret? Der Einsatz eines zusätzlichen Feldspielers ist in Zukunft ohne Leibchen möglich, wodurch sich die logistischen Probleme (ein Leibchen fehlt, ist an der Bank nicht sofort greifbar, das schnelle Umziehen wird durch verschwitzte Trikots erschwert usw.) verhindern lassen. Die alte Lösung - der Einsatz eines Feldspielers als „Ersatztorwart“ mit Leibchen - ist jedoch weiterhin anwendbar. Eine Mannschaft kann während des Spieles beide Varianten anwenden - also mal einen Spieler mit Leibchen ins Spiel bringen und mal auf das Leibchen verzichten.

Neben der Vereinfachung der Logistik birgt die Regeländerung auch zahlreiche taktische Varianten. „Normalerweise weiß man als abwehrende Mannschaft, dass der Spieler, der das Leibchen hat, nicht wirft, sondern rechtzeitig abdreht“, beschreibt Jürgen Rieber den Knackpunkt der Regel. „Wenn jedoch sieben Feldspieler das gleiche Trikot anhaben, weiß kein Abwehrspieler mehr, wer werfen wird. Damit sind neue taktische Finessen möglich.“

Ohne Leibchen - kein Betreten des Torraumes

Die neue Regelung führt jedoch zu einem entscheidenden Punkt: Wechselt eine Mannschaft den zusätzlichen Feldspieler ohne Leibchen ein, haben sie keinen Spieler mehr, der zum Betreten des Torraumes berechtigt ist und dort agieren - z. B. den Ball parieren oder einen Abwurf ausführen - darf. Daher muss die Mannschaft zwingend einen Wechsel vollziehen, um einen Torwart wieder ins Spiel zu bringen. Welcher Spieler dafür das Feld verlässt, bleibt der Mannschaft selbst überlassen, aber: Es muss gewechselt werden! Ein Zurücklaufen eines Feldspielers in den Torraum ist verboten.

> Betritt in diesen Situationen ein Feldspieler den Torraum und wehrt den Ball ab, ist auf Siebenmeter und progressive Bestrafung zu entscheiden, da es sich um eine Unsportlichkeit handelt.

> Verschafft sich ein Feldspieler in diesen Situationen einen Vorteil durch das Betreten des Torraums, ist ebenfalls auf progressive Bestrafung zu entscheiden

Die Regeländerung erfordert zudem eine weitere Erläuterung: Bei einem noch auszuführenden Freiwurf nach dem Schlusssignal (Halbzeit oder Spielende bzw. zum Ende der Halbzeiten einer Verlängerung) darf auch die abwehrende Mannschaft noch einen Torwart einwechseln! Die Regel 2.5 wird entsprechend angepasst, sodass sie nicht mehr „nur“ der werfenden Mannschaft einen Spielerwechsel erlaubt, sondern zusätzlich der abwehrenden Mannschaft, „wenn [diese] beim Ertönen des Schlusssignals ohne Torwart spielt“.

Regel gilt grundsätzlich in allen Spiel- und Alterklasse - Ausnahme in der Jugend

Grundsätzlich ist das Einwechseln des siebten Feldspielers ohne Leibchen ab dem 1. Juli 2016 in allen Spiel- und Altersklassen erlaubt. Der DHB hat die Zusatzbestimmung in der Spielordnung für die A-Jugend bereits angepasst (wir berichteten), sodass das Wechseln von Spielern auch in der weiblichen und männlichen A-Jugend - von der Bundesliga bis in die unterste Liga - möglich ist. Alle bisherigen Einschränkungen sind aufgehoben.

Was bedeutet diese Änderung für die B-Jugend die Jugendklassen ohne weitere spieltaktischen Vorgaben? Das Einwechseln eines siebten Feldspielers ist bei eigenem Ballbesitz erlaubt! Sprich: Der Torwart verlässt das Spielfeld bei eigenem Ballbesitz und kann, solange die eigene Mannschaft im Ballbesitz ist, zurückgewechselt werden. Verliert die Mannschaft den Ball, ist ein Rückwechsel nicht mehr möglich. Daher gibt es nun zwei Varianten:

a) der zusätzliche Feldspieler agiert mit Leibchen:
Der Spieler ist als Torwart gekennzeichnet und darf den eigenen Torraum betreten, um als Torwart zu agieren. Ein Torwartwechsel ist dann erst wieder bei Siebenmeter oder Time-out möglich oder wenn die eigene Mannschaft wieder in Ballbesitz gelangt.

b) der zusätzliche Feldspieler agiert ohne Leibchen:
Da ein Rückwechsel nicht möglich ist, muss die Mannschaft ohne Torwart agieren. Der eigene Torraum ist Sperrzone und darf von keinem Feldspieler betreten werden (ansonsten: progressive Bestrafung - siehe oben). Das Einwechseln eines Torwarts ist erst wieder bei eigenem Ballbesitz (zwingend bei einem Abwurf), Siebenmeter oder Time-Out möglich.

Die neue Regel zum siebten Feldspieler auf einen Blick:

Was beinhaltet die Regel?
Der Torwart kann als siebter Feldspieler eingesetzt werden. Er muss nicht mehr zwingend mit einem Leibchen gekennzeichnet sein. Ist er das nicht, darf jedoch kein Feldspieler den Torraum betreten; der Torwart muss erst für einen Feldspieler eingewechselt werden.

Wo wird die Regel angewendet?
Grundsätzlich in allen Spiel- und Altersklassen. Ausnahmen betreffen den Jugendbereich (s.u.)

Was soll die Regel bewirken?
a) Sie schafft neue taktische Möglichkeiten
b) Die logistischen Probleme, welche die Kennzeichnung mit Leibchen mit sich bringt, können verhindert werden

Im Wortlaut der IHF: Der Torwart als Feldspieler Regel 4:1 Absatz 3, Regeln 4:4-5-6-7

Zu beachten ist, dass die Regel 4 hinsichtlich der Bestimmungen des Ersatzes eines Torhüters, durch einen Feldspieler, vollumfänglich gültig bleibt. Allerdings wird die folgende Regelerweiterung eingefügt:
  1. Eine Mannschaft kann gleichzeitig sieben Feldspieler auf der Spielfläche einsetzen. Dies ist der Fall, wenn ein Feldspieler einen Torwart ersetzt. Er muss nicht zwingend (aber kann) ein Trikot in der Farbe des Torwarttrikots tragen.
  2. Wenn die Mannschaft mit sieben Feldspielern spielt, kann kein Spieler die Funktion des Torwarts ausüben, d.h. kein Spieler darf den Torraum betreten, um die Torhüterposition zu übernehmen. Wenn der Ball im Spiel ist und einer der sieben Feldspieler den Torraum betritt, um eine klare Torgelegenheit zu vereiteln, erhält die gegnerische Mannschaft einen 7-m-Wurf zugesprochen. Regel 8:7f ist zu beachten.
  3. Im Fall einer Auswechselung sind die Regeln 4:4-7 (normale Regeln für den Spielerwechsel) zu beachten. In einem solchen Fall erhält der Torhüter alle Rechte gemäß den Regeln 5 und 6 zurück.
  4. Wenn eine Mannschaft mit sieben Feldspielern spielt und einen Abwurf ausführen muss, muss einer der Spieler die Spielfläche verlassen und es muss ein Torhüter eingewechselt werden, um diesen Wurf aus dem Torraum auszuführen. Die Schiedsrichter entscheiden, ob ein Time-out erforderlich ist.


Videobeispiel 1: Betreten des Torraums nur mit Leibchen erlaubt I

Falsche Entscheidung der Referees. Die Schiedsrichter müssen einen Wechsel eines Spielers mit einem Torhüter veranlassen, damit der Abwurf ausgeführt werden kann. Ob mit oder ohne Time-out wird im Einzelfall zu entscheiden sein.



Videobeispiel 2: Betreten des Torraums nur mit Leibchen erlaubt II

Andy Schmid pariert - mit einem Leibchen als Torwart gekennzeichnet - einen Gegenstoß der SG Flensburg-Handewitt. Hätte Schmidt in der kommenden Saison in dieser Szene als zusätzlicher Feldspieler ohne Leibchen agiert, hätte er den Torraum nicht betreten dürfen.



Videobeispiel 3: Gleiche Behandlung von Torwart und Feldspieler

Für Torwarte kann es keine andere Behandlung geben als für Feldspieler. Die Empfehlung: Kein Time-out geben, sondern besser den schnellen Anwurf ausführen lassen.





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