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03.11.2016 16:30 Uhr - 1. Bundesliga - Christian Ciemalla

#Praxisforum: Von Coubertin, Klempel, Ströhmann und Schwenker - Die Historie des Profi-Handballs

Im Gegensatz zu Jerzy Klempel im Jahr 1984 müssen heutige Spieler von Frisch Auf! Göppingen keine Strafen für gezahlte Gehälter befürchtenIm Gegensatz zu Jerzy Klempel im Jahr 1984 müssen heutige Spieler von Frisch Auf! Göppingen keine Strafen für gezahlte Gehälter befürchten
Quelle: Jenny Seidel
In der neuen Kategorie Praxisforum widmet sich handball-world.com verschiedenen Themen aus den Bereichen Recht, Medizin sowie Betriebswirtschaft und Management. Wie beim realen Praxisforum von handball-world.com, das in dieser Saison am 6. Januar 2017 in Essen stattfindet, steht dabei der Wissenstransfer im Mittelpunkt. Neben Best-Practice Beispielen gibt es dabei auch tiefe Einblicke sowie generelle Übersichten in verschiedene Themenfelder und allgemeine Hintergrundinformationen. Dass die Verknüpfung zwischen betriebswirtschaftlichen Themen sowie dem Sport allgemein und auch speziell dem Handball kürzer ist, als gedacht, zeigt Christian Ciemalla im heutigen Auftaktbeitrag.

Für den Sport ist das Verständnis als Wirtschaftsmarkt mit betriebswirtschaftlichen Grundlagen historisch keineswegs selbstverständlich. Geprägt durch den - von Pierre de Coubertin den Olympischen Spielen der Neuzeit zu Grunde gelegten - Amateurgedanken gab es insbesondere in Europa und Deutschland zahlreiche Widerstände gegen professionellen Sport und die Kommerzialisierung dieses Bereichs. Für Olympische Spiele wurden die Amateurregeln erst Ende der 1970er Jahre gelockert, bis zur weitestgehenden Aufhebung dauerte es bis in die 1990er Jahre und im Boxen wurde die Regelung erst zu den Spielen in Rio de Janeiro ausgesetzt.

Sogenannte Staatsamateure oder Sportsoldaten unterliefen die Amateur-Regelung allerdings schon zuvor und auch die Olympischen Spiele selbst waren zu diesem Zeitpunkt bereits kommerzialisiert: Die Sommerspiele 1984 in Los Angeles brachten dem veranstaltenden Los Angeles Olympic Organizing Committee (LAOOC) einen Gewinn von 230 Millionen US-Dollar, schreibt Wilson in der Encyclopedia of the Modern Olympic Movement. Das IOC begann danach mit dem 1985 eingeführten The Olympic Program (TOP) ein eigenes exklusives Sponsorenprogramm und hatte im Jahre 2012, nach Aussage des damaligen IOC-Präsidenten Jacques Rogge, Reserven von 558 Millionen Dollar angehäuft. Auch für die Zukunft scheint das IOC gut aufgestellt: Alleine die Fernsehrechte für die Olympische Spiele liefern Milliardeneinnahmen und das TOP-Sponsoren-Programm soll laut einer im Focus veröffentlichten SID-Meldung von 2013 bis ins heutige Jahr 2016 eine weitere Milliarde liefern.

Ein weiteres Beispiel ist die in Deutschland mit der Einführung der Bundesliga im Jahre 1963 beginnende Entwicklung des Berufsfeldes Profifußballer. Zuvor war in den Oberligen ein anderer Hauptberuf zwingend erforderlich, und auch bei der Einführung der Bundesliga wurde zunächst nur der halbe Weg zum Profi gemacht: "Ein Mittelding, wenn ich so sagen darf, zwischen dem Vertragsspieler und dem Lizenzspieler", zitiert das DFB-Journal den damaligen Präsident Hermann Gösmann. Unter anderem bestanden Gehalts- und Ablöseobergrenzen, die jedoch bereits in den ersten Jahren unterlaufen wurden. Sie fielen aber offiziell erst 1972, im Jahr darauf wurde auch das Verbot für Trikotwerbung aufgehoben.

Im Handball vollzog sich diese Entwicklung einige Jahre später: "Erstmals haben wir Beweise gegen einen Bundesligaklub", erklärte DHB-Präsident Bernhard Thiele im April 1984 in der damaligen Ausgabe des Spiegel. Gemeint war Frisch Auf! Göppingen, dem Verein konnte ein Verstoß gegen Amateurbestimmungen nachgewiesen werden: Der Klub hatte dem polnischen Nationalspieler Jerzy Klempel jährlich 100.000 DM bezahlt – erlaubt waren zur damaligen Zeit aber lediglich 700 DM pro Monat. Es folgte eine Geldbuße von 10.000 Deutschen Mark - ausgesprochen von einem Regionalgericht, das damit angesichts der Forderung nach einem Zwangsabstieg durchaus milde urteilte. Nach der Revision folgte dennoch der Zwangsabstieg und ein Jahr später der Wiederaufstieg - übrigens mit Jerzy Klempel.

Im Widerspruch dazu stand bereits in jener Zeit, dass Nationalspieler für die Teilnahme an der WM 1982 Spesen in Höhe von 3.000 DM vom Deutschen Handball-Bund erhielten oder die Sportförderung für den WM-Titel 1978 zwischen 3.000 und 10.000 DM zahlte. "Während deutsche Spieler sich oft mit Grundstücken, Häusern oder sicheren Arbeitsplätzen begnügten, forderten Ausländer bares Geld", so der Spiegel zum damaligen Finanzgebaren der Bundesligisten. Für eine Weiterverpflichtung Klempels hätte der polnische Verband übrigens "5000 US-Dollar, ein Photokopiergerät, drei Reiseschreibmaschinen und Sportkleidung für Klempels alten Klub Slask Breslau" gefordert.

Der Profihandballer wurde erst Jahre später dann über einen Umweg offiziell installiert: Der Versuch von Mäzen Bodo Ströhmann, die SG Wallau-Massenheim in eine GmbH umzuwandeln, war vom DHB 1990 abgelehnt worden. "So hätte er die Spielergehälter – für Spitzenkräfte immerhin bis zu 130.000 Mark jährlich – nicht länger als Aufwandsentschädigungen tarnen und über dunkle Kanäle zahlen müssen, wie es im Handball allenthalben üblich ist“, berichtete der Spiegel im Oktober 1990. Ströhmann gründete daraufhin die Werbeagentur Wallau-Massenheim GmbH und gab den Spielern bei dieser Briefkastenfirma sozialversicherungspflichtige Jobs.

Die Tür war damit geöffnet, es folgte am 1. Juli 1992 die THW Kiel GmbH & Co. KG. "In der GmbH ist versammelt, wer in Kiel den Ton angibt, vom Autohändler bis zum Lebensmittelkonzern", berichtet der Spiegel im April 1994 angesichts des Endes von gut dreißig meisterschaftslosen Jahren in Kiel. Im gleichen Jahr wurde übrigens die Ligavereinigung HBL als Interessenvertretung der Vereine gegründet, die seit 2003 den Spielbetrieb der Bundesliga organisiert. Die drei Millionen Deutschen Mark, umgerechnet 1,5 Millionen Euro, die den THW Kiel 1994 unter dem kurz zuvor auf den Manager-Posten gerückten Uwe Schwenker zum Etatkrösus machten, reichen unterdessen in der heutigen Zeit nicht mehr für die 1. Bundesliga: Die Spitzenclubs liegen bei über 10 Millionen Euro und die Clubs der 1. Bundesliga nähern sich in der Addition der Marke von 100 Millionen Euro.

Alleine aufgrund der Umsätze und des damit verbundenen wirtschaftlichen Risikos sind Spielbetriebsgesellschaften über die Bundesligen hinaus eine Selbstverständlichkeit. Mit ihnen haben auch allgemeine Methoden und Instrumente aus der Betriebswirtschaft den Eingang in den Handball gefunden, "Profihandball" findet nicht nur auf dem Parkett statt. Der Sport- und der Handballmarkt weisen allerdings zahlreiche Besonderheiten auf, so dass die bloße Übertragung der Erkenntnisse aus der klassischen Betriebswirtschaft nicht ausreicht. Ein Punkt, den handball-world.com in folgenden Episoden der Serie #Praxisforum immer wieder aufgreifen wird und der auch am 6. Januar bei der Veranstaltung in Essen eine zentrale Rolle spielen wird.

» Registrierung für das 5. Praxis-Forum Handball am 06. Januar 2017



Early Bird: 99,00 Euro pro Person

Inklusivleistungen:

– Teilnahme am Praxis-Forum inkl. Tagungsunterlagen
– Getränke während der Veranstaltung
– Mittags- und Kuchenbuffet sowie Snacks während der Veranstaltung

Veranstaltungsort:

Ruhrturm Essen
Huttropstr. 60 - 45138 Essen

» Registrierung für das 5. Praxis-Forum Handball am 06. Januar 2017

Rückblick auf die 4. Auflage:

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