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29.12.2016 12:00 Uhr - 1. Bundesliga - Fabian Kittmann, red

#Praxisforum Medizin: Ein Blick auf die PECH-Regel

In der Rubrik Praxisforum widmet sich handball-world.com verschiedenen Themen aus den Bereichen Recht, Medizin sowie Betriebswirtschaft und Management. Dabei steht der Wissenstransfer im Mittelpunkt. Neben Best-Practice Beispielen gibt es auch tiefe Einblicke sowie generelle Übersichten in verschiedene Themenfelder und allgemeine Hintergrundinformationen. In der heutigen Folge zum Bereich Medizin nimmt Fabian Kittmann die PECH-Regel einmal kritisch unter die Lupe. Kittmann ist therapeutischer Leiter der Füchse Berlin und zudem Geschäftsführer und Inhaber der Reha im Bismarck Karree in Berlin, wo er sich auf die Behandlung von Sportlern spezialisiert hat.

Wer kennt es nicht im Sport und auch im Handball, egal ob im Leistungs- oder Amateurbereich: Verletzungen der Spielerinnen und Spieler. In den Profimannschaften sind meist ausgebildete Physiotherapeuten oder gar Ärzte vor Ort, um sofortige Erstmaßnahmen einzuleiten. In den Amateurmannschaften stehen meist die Trainer oder Betreuer vor diesen Aufgaben. Ein seit vielen Jahren angewandtes Schema zur Erstversorgung von Verletzungen stellt die sogenannte PECH-Regel dar.

Was bedeutet die PECH-Regel?

P steht für Pause
E steht für Eis
C steht für Compression
H steht für Hochlagern

Verletzungen im Sport gehen meist, wie wir alle aus Erfahrungen kennen, mit einer Schwellung, einem Bluterguss und Schmerzen einher. Das Ziel der PECH-Regel ist es, diesen auftretenden Zuständen nach einer Verletzung entgegenzuwirken. Es stellt sich die Frage, ob die PECH-Regel diese Ziele wirklich erreicht. Hierzu sollten die physiologischen Reaktionen des Körpers auf eine Verletzung betrachtet werden.

Was passiert bei einer Verletzung?

Schwellung

Nach akuten Verletzungen kommt es je nach Schwere der Verletzung zur Bildung von Ödemen (Schwellungen). Eine Schwellung entsteht durch erhöhte Durchlässigkeit der Blutgefäße und der Zerstörung sogenannter Proteoglycane im Bindegewebe. Die Erhöhung der Durchlässigkeit der Blutgefäße ist auf die Entzündungsreaktionen zurückzuführen, entsteht aber auch durch den direkten Einfluss von Kältereizen. Dies ist durch Studien und Untersuchungen belegt.

Bluterguss

Ein Bluterguss (Hämatom) entsteht, wenn sich Blut im Gewebe sammelt. Die Ursache hierfür liegt an der Verletzung von Blutgefäßen. Je tiefer im Gewebe die Einblutung liegt, desto weniger ausgeprägt sind die äußeren erkennbaren Anzeichen.

Diese sind typischerweise durch eine Verfärbung erkennbar - deshalb wird umgangssprachlich auch vom „blauen Fleck“ gesprochen. Bei tiefen Blutergüssen kann es einige Tage dauern bis sie sichtbar werden. Der Körper ist in der Lage, die Verletzungen der Blutgefäße durch den sogenannten Axonreflex und die Blutplättchen (Thrombozyten) sehr schnell zu schließen, so dass nichts mehr „auslaufen“ kann. Dieser Prozess im Körper ist nach ca. 30 Sekunden abgeschlossen.


Entzündung und Schmerz

Eine Entzündung ist eine normale Reaktion des Körpers und die Basis für die nachfolgende Wundheilung. Sie entsteht nach einer Störung der Homöostase (Aufrechterhaltung des sogenannten inneren Milieus des Körpers mit Hilfe von Regelsystemen) durch Trauma, Infektion, Verbrennungen, Verletzungen und auch Kälte. Ohne die Entzündungsmechanismen ist eine Wundheilung nicht möglich. Entzündungsreaktionen haben immer einen Anstieg der Temperatur im Gewebe zur Folge - deshalb fühlt sich die betreffende Region meist wärmer an.

Es gibt verschiedene Arten von Schmerzen im Körper. Der Schmerz bei Verletzungen ist meist ein Entzündungsschmerz. Diese Schmerzen werden durch bestimme Stoffe im Körper (vor allem sogenannte Prostaglandine) ausgelöst. Dieser auslösende Stoff ist nicht nur für Schmerz, sondern ebenso für ca. 400 weitere Funktionen im Körper zuständig. Studien belegen, dass bei Hemmung der Schmerzen die physiologischen Prozesse im Körper nicht richtig ablaufen und dadurch zum Beispiel neu entstehendes Bindegewebe nicht ausreichend belastungsstabil wird. Damit kann sich die Wundheilphase teilweise deutlich verlängern. Man sollte ebenso beachten, dass Schmerz lediglich ein Symptom ist. Für den Therapeuten ist es allerdings ein wunderbares Feedback-System und wichtig, um das Gewebe zum Zwecke der Rehabilitation richtig zu belasten.


Was bedeutet das nun für die PECH-Regel?

Pause und Hochlagern

Es macht sicherlich Sinn über "gewisse" Ruhe und Hochlagerung direkt nach der Verletzung für die verletzte Region nachzudenken. Allerdings hängt dies sehr von der Schwere der Verletzung ab. Eine längere Ruhe der betreffenden Region bzw. der verletzenden Strukturen über den Zeitraum der akuten Entzündungphase (max. 10 Tage) ist für die Heilung sicherlich nicht förderlich. Bei schwereren Verletzungen oder gar Operationen sollte man über Maßnahmen wie Motorschienen u.ä. nachdenken.

Generell gilt der Leitsatz "Die Funktion formt das Organ". Je schneller ich funktionelle Belastung auf die verletzte Struktur unter Berücksichtigung der Wundheilphasen für die einzelnen Gewebe bringe, desto schneller wird auch die Heilung voranschreiten.

Eis

Hier gehen die Meinungen und Studien sehr weit auseinander. Meiner Meinung nach ist Eis kontraindiziert bei allen akuten oder postoperativen Zuständen. Spezielle entzündliche Erkrankungen klammern wir an dieser Stelle mal aus. Leider wird es immer noch als gebräuchliche Behandlung durchgeführt. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für positive Effekte einer Eisbehandlung. Ganz im Gegenteil kann man deutlich mehr negative physiologische Reaktionen aufzählen, welche nach einer Eisbehandlung ablaufen.

Compression

Der Sinn sollte sicherlich einfach gedacht darin bestehen, dass man eine weitere Ausbreitung von Schwellungen und Blutergüssen verhindert oder sie sogar an der Entstehung hindert und den Rücktransport der Flüssigkeiten anregt. Auch hier gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis. Bewiesen ist lediglich, dass bei einer Kompression von 30mmHg, welche dem Widerstand einer Socke entspricht, die Durchblutung im Muskel um 40 Prozent fällt; für oberflächlicheres Gewebe sogar um 60 Prozent. Im geschädigten Gewebe leisten die Lymphgefäße sowieso schon viel mehr Arbeit.

Wie jedoch oben beschrieben, ist ein verletztes Blutgefäß innerhalb einer halben Minute geschlossen. Ebenso sind Schwellung und Entzündung für die Wundheilung von elementarer Bedeutung.

Zusammengefasst kann man sicherlich sagen, dass die PECH-Regel in einigen Aspekten durchaus Ihre Berechtigung findet. Man sollte die Reihenfolge und den tatsächlichen Nutzen jedoch kritisch hinterfragen.

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