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18.06.2017 09:03 Uhr - 1. Bundesliga - Ulrich G. Monz

"Alle Spieler haben auf ihre Art überrascht": Kai Wandschneider im Interview

Kai WandschneiderKai Wandschneider
Quelle: Jörg Zehrfeld
Kai Wandschneider erreichte in der abgelaufenen Bundesligasaison den sechsten Platz mit der HSG Wetzlar und wurde zum zweiten Mal zum "Trainer des Jahres" in der DKB Handball-Bundesliga gewählt. Im Interview spricht Wandschneider über die Überraschungen der abgelaufenen Saison, die Bezeichnung der HSG Wetzlar als "Ausbildungsverein", seine Auszeichnung zum "Trainer des Jahres", seine Tätigkeit an der Seitenlinie und darüber wie er seinen Urlaub verbringt...

Aufgrund der finanziellen Möglichkeiten und der jährlichen "Spielerfluktuation" wird die HSG Wetzlar auch als "Ausbildungsverein" bezeichnet. Dennoch schnupperte die HSG in dieser Saison am internationalen Geschäft. Ist diese Bezeichnung noch gerechtfertigt?

Kai Wandschneider:
Ja, aber "Ausbildungsverein" auf einer anderen Ebene, auf einem höheren Niveau. Wir bilden inzwischen Spieler aus, die in ihre Nationalmannschaften zu Stammspielern berufen wurden. Das war bei Tobias Reichmann und Steffen Fäth so, und das gilt auch für Jannik Kohlbacher, der aus der zweiten Liga zu uns kam und nach drei Monaten in der deutschen Nationalmannschaft spielte. Das gilt genauso für Kristian Björnsen (Norwegen) und natürlich auch für Philipp Weber, der als Wetzlarer ein Nationalspieler wurde.

Dass ein Coach auch Spiele durch taktische Änderungen von der Seitenlinie entscheiden kann, haben Sie mehrmals in der Saison bewiesen. Wie definieren Sie Ihre Tätigkeit als Trainer?

Kai Wandschneider:
Als Trainer ist man zunächst einmal ein Spiegel der Spieler, die ihren Leistungsstand sehen wollen. Natürlich bin ich auch ein Wegbegleiter in der Karriere eines jeden Einzelnen. Das Entwickeln verschiedener Methodiken im Training gehört genauso dazu wie die Persönlichkeitsentwicklung der Spieler zu unterstützen, ja Menschenführung steht an erster Stelle. Im Training es den Spielern so schwer wie möglich machen, damit sie es im Spiel leichter haben. Und was die Entscheidungen an der Seitenlinie angeht: Gegen Hannover und Leipzig sahen wir schon wie der Verlierer aus. In solchen Situationen helfen jahrelange Erfahrung, weil du auf den Augenblick fokussiert sein musst, und das gegenseitige Vertrauen mit der Mannschaft.

Sie kennen Ihre Mannschaft und wissen, zu welcher Leistung sie imstande ist. Aber gab es auch Überraschungen?

Kai Wandschneider:
Ich habe selten in meiner Trainer-Karriere eine solche Mannschaft erlebt, die einen so starken Charakter hat. Das liegt zum einen an den einzelnen Spielern selbst, aber auch an dem Teamgeist, dem Spirit, der in der Mannschaft herrscht. Wir sind mit dem absoluten Ziel gestartet, den Klassenerhalt frühzeitig zu sichern und haben uns nach und nach neue Ziele gesteckt und sie jetzt auch erreicht. Die unglaubliche Entwicklung vieler Spieler war so nicht zu erwarten, doch die hohe Integrationskraft der Mannschaft hat dabei geholfen. Es war nicht zu erwarten, dass "Benko" Buric so stabil auf hohem Niveau spielt, Philipp Weber und Jannik Kohlbacher "Leistungsexplosionen" erleben und die Flügelzange Kristian Björnsen und Kasper Kvist so gut funktioniert. Filip Mirkulovski ist für mich der "Mister Schach", der das Spiel klug strukturiert. Eigentlich könnte ich alle Spieler nennen, weil sie auf ihre Art überrascht haben.

Ein Blick in die Bundesliga und auf die Schlusstabelle. Was war zu erwarten, was war so nicht vorherzusehen?

Kai Wandschneider:
Es steht mir nicht an, andere Vereine und Kollegen zu bewerten. Deshalb mit allem Respekt, weil es ja auch offensichtlich ist: Die führenden Klubs haben entweder in der Champions League, im DHB-Pokal oder in der Meisterschaft die selbst gesteckten Ziele nicht erreicht. Aber auch Mannschaften wie Göppingen und Berlin blieben hinter den Erwartungen zurück, die Melsunger Aufholjagd mit 19:3 Punkten in den letzten elf Spielen kam zu spät. Und dass Hannover in 16 Spielen in Folge nicht gewinnt und der VfL Gummersbach nur aufgrund des besseren Torverhältnisses die Liga hält, das alles war nicht zu erwarten. Klasse bewiesen haben Leipzig, Erlangen und Minden, aber wir "haben den Vogel abgeschossen".

Trainer des Jahres ist eine individuelle Auszeichnung, doch Sie teilen diesen großartigen Erfolg mit dem Verein. Wie wertschätzt Kai Wandschneider eine solche Anerkennung der geleisteten Arbeit?

Kai Wandschneider:
Das ist die wertvollste Wahl für einen Handball-Trainer, eine große Ehre für mich, und das schon zum zweiten Mal nach der Auszeichnung nach der Saison 2012/13. Mich ehrt das sehr, weil es eine Wahl der Kollegen und der Bundesliga-Manager ist, denen ich für diese Entscheidung sehr danke. Dieser Personenkreis hat eine hohe Fachkompetenz, kennt die Internas und kann deshalb eine zutreffende Bewertung vornehmen. Es ehrt mich auch, weil in den letzten 17 Jahren mit Volker Mudrow (2003), Christian Prokop (2015/16) und meiner Person bislang nur drei deutsche Trainer gewählt wurden. Ich möchte die Auszeichnung aber nicht für mich personifizieren. In einer Mannschaftssportart nimmt man eine solche Wahl für alle Beteiligten entgegen. Das ist die Mannschaft, der Vorstand, der Geschäftsführer mit der gesamten Geschäftsstelle, der Trainerstab, das Ärzte-Team, die Physiotherapeuten. Letztlich ist diese Wahl auch eine Auszeichnung für die HSG Wetzlar als "Verein des Jahres der Bundesliga 2016/17".

Nun kommt die handballlose Zeit, Urlaub steht an. Wo treibt es Kai Wandschneider hin?

Kai Wandschneider:
Es wird wieder eine große Radtour geben: Konstanz, Bodensee, Schaffhausen, Schweiz, Freiburg, doch am 14. Juli gehen die Vorbereitungen für die neue Saison schon wieder los.

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