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Peter Rauchfuß (1944 - 2016)Peter Rauchfuß (1944 - 2016)
Quelle: groundshots.de

16.07.2017 09:00 Uhr - 1. Bundesliga - Julia Nikoleit

Zum ersten Todestag: Gedenken an Peter Rauchfuß

"Was von ihm bleibt, sind sein Werk, seine Nachkommen und unsere Erinnerungen an einen großartigen, geradlinigen Menschen mit überragender Lebensleistung, großem Herzen und empfindsamer Seele", erklärte DHB-Präsident Andreas Michelmann in der Trauerrede. Nicht nur heute, am einjährigen Todestag, halten viele, die Peter Rauchfuß kannten und schätzten inne, erinnern sich - auch handball-world.

Der 6. August 2016 ist ein grauer Tag. In Chemnitz nieselt es, die Regentropfen fallen vom bewölkten Himmel. Die Trauerhalle auf dem städtischen Friedhof ist zu klein für die zahlreichen Weggefährten, die sich zur Gedenkfeier für Peter Rauchfuß versammelt haben. So verfolgen viele Gäste die bewegende Zeremonie draußen, im Nieselregen stehend; über eine Leinwand werden die Trauerreden von DHB-Präsident Andreas Michelmann und Schiedsrichtersprecher Ronald Klein aus dem Inneren übertragen.

Es gibt jedoch einen Moment an diesem grauen Sommertag, an dem der Himmel aufreißt: Als die Urne nach draußen getragen wird, durch das Spalier der Trauergäste hindurch, bricht ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke. Der letzte Augenblick des Abschieds von Peter Rauchfuß erhält so einen angemessenen Rahmen. Selbst das Wetter, heißt es unter den Trauergästen später mit einem traurigen Lächeln, habe ihm die letzte Ehre erwiesen.

Peter Rauchfuß, langjähriger Schiedsrichter und von 2002 bis zu seinem Tod Schiedsrichterwart des Deutschen Handball-Bundes, verstarb am 16. Juli 2016 nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 71 Jahren in seiner Heimatstadt. "Von uns geht heute ein Ehemann, Vater, Schwiegervater, Großvater, für viele ein guter Freund und ein großer Mann des Sports", würdigt DHB-Präsident Michelmann den Chemnitzer in seiner Trauerrede. "Was von ihm übrig ist, befindet sich in dieser Urne. Was von ihm bleibt, sind sein Werk, seine Nachkommen und unsere Erinnerungen an einen großartigen, geradlinigen Menschen mit überragender Lebensleistung, großem Herzen und empfindsamer Seele."

Die Gradlinigkeit von Peter Rauchfuß - ob als Schiedsrichter oder Schiedsrichterwart - ist ein Charakterzug, den viele seiner Weggefährten aus dem Handball nennen. Der gelernte Schlosser und spätere Marketingverantwortliche einer Brauerei kam bereits im Kindesalter zu seinem Sport. Er begann bei der BSG Motor Grünau mit dem Handball und fand dort auch früh seinen späteren Lebensinhalt: Das Pfeifen. "Ich habe als Kind Handball gespielt - und wir hatten keinen Schiedsrichter. Und dann haben mir meine Mitspieler die Pfeife in die Hand gedrückt und gesagt: ‚Mach du!’", erinnerte sich Peter Rauchfuß einst an die Anfänge seiner Karriere zurück.

Und er machte: Nicht zuletzt dank der Förderung der älteren Kollegen wurde Peter Rauchfuß der jüngste Schiedsrichter in der DDR-Oberliga, später war er gar der jüngste IHF-Schiedsrichter. Zunächst pfiff er gemeinsam mit seinem sportlichen Ziehvater Herbert Hensel, danach war Rudolf Buchda sein kongenialer Partner. Insgesamt war Peter Rauchfuß bei vier Olympischen Spielen, neun Weltmeisterschaften, fast 100 Europapokalspielen und 350 Länderspielen im Einsatz; hinzu kommen ungezählte Partien in der Oberliga.

"Dass er auch kurz vor seinem ersten olympischen Turnier 1976 in Montreal noch Spiele bei den 12-jährigen leitete, beweist, dass er auch als Schiedsrichter Bodenhaftung behielt", betont Andreas Michelmann. Der ehemalige Spitzenschiedsrichter Frank Wenz nennt "eine hohe Regelkompetenz, harte Arbeit und Persönlichkeit" als Eckpfeiler des Unparteiischen Peter Rauchfuß. Er habe "Spiele auf allerhöchstem Niveau" gepfiffen, adelt Wenz. Neben neun Endspielen im Europapokal leitet der Chemnitzer gemeinsam mit seinem Partner das Olympische Finale der Frauen 1988 in Seoul.

1990 hängte Peter Rauchfuß die Pfeife an den Nagel, baute gemeinsam mit seinen Mitstreitern den DDR-Oberligisten BSG Wismut Aue zu einem wettbewerbsfähigen Profihandballverein um und hob die Handballbundesligavereinigung (HBL) mit aus der Taufe. Als der Deutsche Handball-Bund 2002 einen Nachfolger für Bundesschiedsrichterwart Willi Hackl suchte, wollte Peter Rauchfuß eigentlich nur für drei Monaten aushelfen - daraus wurden schließlich mehr als 13 Jahre an der Spitze der DHB-Schiedsrichter.

Dass das deutsche Schiedsrichterwesen heute international eine hohe Anerkennung genießt, ist auch und gerade der Verdienst von Peter Rauchfuß. Er professionalisierte das bestehende System, rief verschiedene Förderungskonzepte ins Leben und kämpfte stets um bessere Rahmenbedingungen für seine Unparteiischen. "Er hat neue Strukturen geschaffen und diese permanent weiterentwickelt", umreißt Frank Wenz. Weiterentwicklung war eines der Schlagworte seiner Amtszeit. "Sein Anspruch war, jeden immer noch besser zu machen und nie in den Status einer absoluten Zufriedenheit zu gelangen", erinnert sich Schiedsrichtersprecher Ronald Klein.

Disziplin, Neutralität, eine klare und offene Ansprache: Mit seiner Persönlichkeit, seiner Präsenz und seiner Erfahrung hat Peter Rauchfuß das Schiedsrichterwesen geprägt. Für die deutschen Spitzenschiedsrichter, die durch seine Schule gingen und von ihm gefördert wurden, war der Chemnitzer ein wichtiger Mentor. "Er war als Respektperson und absoluter Fachmann der Schiedsrichterei überall anerkannt", betont Ronald Klein. "Sein Wort hatte stets Gewicht."

Peter Rauchfuß verlangte ein hohes Niveau auf und neben dem Feld, war dabei jedoch immer für seine Unparteiischen da. "Bei schonungsloser Kritik nach innen hin hat er sich nach außen immer vor seine Schiedsrichter gestellt", beschreibt Ronald Klein. In seiner Trauerrede zitierte er dazu eine Lebensweisheit von Peter Rauchfuß: "Jemand, der sich vor Euch stellt, ist hundertmal mehr wert, als jemand der hinter Euch steht - denn dann spürt ihr irgendwann das Messer im Rücken."

Das Bild des knorrigen und autoritären Delegierten am Kampfrichtertisch - oft mit verschränkten Armen - ist jedoch nur eine Seite der Medaille. "Peter hatte das Talent, instinktiv die richtigen Maßnahmen zu ergreifen", erinnert sich Jürgen Rieber, früher EHF-Schiedsrichter und nun DHB-Schiedsrichterlehrwart. "Er war ein exzellenter Handballkenner und hatte im Handballgeschehen sehr oft das richtige Gespür. Auch sein Humor und seine Rhetorik waren einzigartig."

Mitte August 2016 berief der Deutsche Handballbund den ehemaligen Bundesligaschiedsrichter Wolfgang Jamelle zum Nachfolger von Peter Rauchfuß, doch vergessen werden die Schiedsrichter ihren langjährigen Chef nicht, wie Jürgen Rieber betont: "Peter war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, der viele von uns entscheidend geprägt hat und der uns über seinen Tod hinaus weiter inspirieren wird."

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