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29.09.2017 15:30 Uhr - 1. Bundesliga - Julia Nikoleit

Bundeslehrwart Michael Neuhaus: "Talentförderung nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch an der Seitenlinie"

Michael NeuhausMichael Neuhaus
Quelle: privat
Michael Neuhaus hat vor gut drei Jahren die Position des Bundeslehrwartes im Deutschen Handballbund übernommen. "Insgesamt kann ich ein total positives Fazit ziehen", blickt er im Interview zurück auf den bisherigen Weg und kann von zahlreichen Verbesserungen auf diversen Ebenen berichten. Die Fortschritte aber auch die Probleme in den einzelnen Bereichen erörtert Neuhaus in einem ausführlichen Gespräch mit Julia Nikoleit, das zugleich Startschuss für eine neue Sektion "Training" im Bereich von handball-world ist.

Herr Neuhaus, wenn Sie auf die letzten dreieinhalb Jahre als Bundeslehrwart zurückblicken: Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Michael Neuhaus:
Insgesamt kann ich ein total positives Fazit ziehen. Als mir die Aufgabe zu Beginn des Kalenderjahres 2014 vom Präsidium übertragen wurde, habe ich den Fokus zunächst auf den Bereich der A-Lizenz- Aus - und Fortbildungsmaßnahmen gerichtet - dem eigentlichen Kerngeschäft des Dachverbandes.

Mir war als langjährigem A-Lizenz-Inhaber(seit 1986) und nach Jahren der Mitarbeit im Lehrwesen des westfälischen Dachverbandes klar, dass wir die Qualität in diesem - für den Leistungssport besonders wichtigen - Ausbildungssegment unbedingt steigern mussten.

Darüber hinaus war mir wichtig, die Resonanz für das Thema "DHB-Lehrwesen" mehrdimensional zu steigern - als damaliges Mitglied des Erweiterten Präsidiums( Präsident des HV Westfalen) durch "Lobbyarbeit auf Funktionärsebene", aber vor allem durch eine signifikante Qualitätssteigerung bei den Aus-und Fortbildungsangeboten.

Wie sind Sie es konkret angegangen, die Qualität der Lehrangebote zu steigern?

Michael Neuhaus:
Wir haben zunächst die Inhalte in den Blick genommen, weil der Lehrplan schon über eine längere Zeit nicht revidiert worden ist. Ein wichtiges Stichwort in diesem Zusammenhang war die individuelle Ausbildung unserer Spielerinnen und Spieler, die unser Sportdirektor Wolfgang Sommerfeld - internationalen Trends folgend - in Zusammenarbeit mit den Bundesligastandorten in den letzten Jahren stark forciert hat und solch ein Umsteuern muss sich natürlich auch im Bereich der Lehre widerspiegeln.

Wir sind darüber hinaus eine Kooperation mit der Trainerakademie des DOSB eingegangen, die seit Mitte 2014 den gesamten Athletikbereich der Aus-und Fortbildung verantwortet. Damit haben wir deutlich mehr Expertise in diesem so wichtigen Ausbildungssegment sichergestellt. Außerdem sind wir verstärkt auf Universitäten zugegangen, weil wir deren Exzellenz in unseren Lehrveranstaltungen über Jahre viel zu wenig genutzt haben.

Welche weiteren Aspekte gab es speziell bei der A-Lizenz?

Michael Neuhaus:
Wir haben die Hospitation als obligatorischen Bestandteil der A-Trainerausbildung aufgewertet und viel, viel stärker in den Fokus gerückt. Das hat sich in den drei Jahren als ein hochwertiger und ganz, ganz wichtiger Baustein in der Trainerqualifizierung auf diesem Niveau erwiesen.

Was genau umfasst diese Hospitation?

Michael Neuhaus:
Die Hospitation bedeutet, dass die Teilnehmer für zwei Mal fünf Tage - einmal während der Vorbereitungsphase und einmal in der Wettkampfphase einer Saison - bei einem Bundesligaverein der Männer oder Frauen den Trainingsalltag beobachten und diese Beobachtung auch nutzen, um mit den Verantwortlichen vor Ort ins Gespräch zu kommen.

Basierend darauf,wird dann ein schriftlicher Hospitationsbericht erstellt, der wiederum innerhalb der Lehrgangsarbeit Gegenstand von einer Tagesauswertung mit aktiven Bundesligatrainern aus der 1. Liga ist. Diese Doppelfunktion - Erstligahandball vor Ort analytisch aufzunehmen und sich dann im Lehrgangskreis über die Eindrücke auszutauschen - scheint einen ganz, ganz hohen Wert für die Teilnehmer zu haben und wird auch von den unterstützenden Profitrainern wertgeschätzt.

Sie haben eben schon die individualisierte Spielerausbildung als inhaltliches Thema angesprochen. Wie sieht es mit einer Individualisierung der Trainerausbildung aus?

Michael Neuhaus:
Das ist in der Tat ein Punkt, den ich im Lichte meines bisherigen Engagements als Bundeslehrwart forcieren möchte. In den Ausbildungslehrgängen haben wir total heterogene Teilnehmergruppen, die mit sehr, sehr unterschiedlichen Voraussetzungen aufschlagen. Das betrifft die verschiedensten Bausteine - die Vorerfahrung, die sportwissenschaftliche Vorkenntnisse, das Handlungswissen im Sinne von Coaching oder im Fall der A-Lizenz auch die bisherigen Erfahrungen im Leistungshandball.

Ähnlich wie in der Schule, kann man auf den Lehrgängen unmöglich permanent ein Angebot an alle Teilnehmer richten. Man muss stattdessen sehr differenziert arbeiten. Außerdem kann die gezielte Förderung von Talenten auf der Trainerebene nur gelingen, wenn man die klassischen Lehrgangsmaßnahmen durch Coaching-Maßnahmen, wie zum Beispiel einem begleitenden Mentoring optimiert.

Talentförderung nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch an der Seitenlinie?

Michael Neuhaus:
Genau! Wir haben im Spitzentrainerbereich auf DHB-Ebene beispielsweise viele junge Trainer-Talente, die aber natürlich von ihrer Erfahrung noch nicht das vollständige Rüstzeug für den Spielbetrieb der ersten und zweiten Liga mitbringen können.

Diese Trainertalente müssen wir dann im Rahmen von kreativen - und personell leistbaren - Begleitmaßnahmen zusätzlich unterstützen - und das geht nur auf einer individualisierten Ebene. Wir machen es bei unseren Spitzenschiedsrichtern mit Erfolg, wir machen es auch bei der Ausbildung unserer Spielerinnen und Spieler mit Erfolg - und daher ist ja nichts naheliegender, als auch für unsere Trainer so etwas zu entwickeln.

Gilt das nur für den Spitzentrainerbereich? Das wäre dann ja eine sehr kleine, illustre Gruppe ...

Michael Neuhaus:
Nein, auf keinen Fall. Auch ein Juniortrainer, der mit 16 oder 18 Jahren seine ersten Erfahrungen im Kinderhandballtraining sammelt, wird durch eine individualisierte Form der Ausbildung und Begleitung nachhaltiger bei der Stange bleiben.

Das sollten wir unbedingt im Auge behalten - zumal die Aus- und Fortbildung in unserem Verband auf fast allen Zuständigkeitsebenen prioritär unter Betrachtung von fiskalischen Gesichtspunkten betrieben wird. Natürlich will man als Veranstalter auf einen Lehrgang nicht draufzahlen, aber vielleicht müssen wir auch an dieser Stelle - kreativ - umdenken und auch in Lehrgänge mit 12-15 Teilnehmer/innen mit einer dafür forcierten Individualisierung investieren.

Das Schiedsrichterwesen hat einen Rückgang der Zahlen zu beklagen. Wie bewerten Sie aus Ihrer Position als Lehrwart die Situation im Trainerbereich in Deutschland?

Michael Neuhaus:
Das muss man sehr, sehr differenziert betrachten. Für den Bereich der A-Trainerausbildung kann ich sagen, dass die Resonanz in den letzten Jahren signifikant zugenommen hat, was mich sehr freut - zumal es vor allem auch sehr viele jüngere Trainerinnen und Trainer sind, die an den Lehrgängen teilnehmen. Auch die anderen Lehrgänge, die wir beim DHB verantworten - die Torwarttrainerausbildung, die Nachwuchstrainerausbildung und auch der Mastercoach-Lehrgang - alle haben deutlich steigende Teilnehmerzahlen.

Und auf der Ebene unterhalb des DHB - in den Landesverbänden sowie dem Amateur- und Breitensport?

Michael Neuhaus:
In den Landesverbänden sieht die Situation zum Teil deutlich anders aus. Trainerinnen und Trainer vor allem für den Nachwuchsbereich zu finden, ist und bleibt ein flächendeckendes Problem, vielleicht aber auch ein systemisches, denn wer kann es sich in der heutigen Arbeitswelt schon so ohne Weiteres leisten, an einem 120-stündigen C-Lizenz-Lehrgang teilzunehmen.

Die meisten machen das doch letztlich aus dem persönlichen Anspruch, ihr Rüstzeug für den Trainingsalltag zu erweitern - was ja strahlend positiv ist. Was fehlt, sind kreativere Ausbildungskonzeptionen im C-Lizenz-Bereich, eine stärkere Individualisierung und Begleitung der Teilnehmer, wenn ich vor allem an die 18-22-Jährigen denke, die in unseren Vereinen bei der Begleitung vor allem der Kinderhandballteams gar nicht mehr wegzudenken sind.

Überhaupt finde ich die begleitende pädagogische Perspektive einer Trainerqualifizierung enorm wichtig. Es ist natürlich prioritär, dass Trainerinnen und Trainer für ihren Trainingsalltag zunächst in handballspezifischer Hinsicht gut ausgebildet werden, die Förderung der personalen Voraussetzungen erscheinen mir darüber hinaus aber besonders wichtig zu sein.

Sie verwenden genau dafür gerne den Begriff des Trainers als Multiplikator. Wie ist das gemeint?

Michael Neuhaus:
Der Trainer hat doch vor allem bei Kindern und Jugendlichen eine herausragende Vorbildfunktion. Es gibt nicht wenige Studien, die belegen, dass Trainerinnen und Trainer in bestimmten Altersgruppen z.B. bei Pubertierenden offenbar einen viel prägenderen Zugriff haben können als Eltern, geschweige denn Lehrer. Trainer/innen haben somit die Option, auch Haltungen gegenüber dem Sport und gegenüber dem Thema "Leistung" zu transportieren und dazu beizutragen, dass eine Bindung zum Handballsport nachhaltig aufgebaut wird.

Blicken wir nicht mehr zurück, sondern nach vorne: Welche Ansatzpunkte sehen Sie neben dem Thema der Individualisierung für das Trainerwesen des DHB?

Michael Neuhaus:
Zwei Aspekte sind ganz, ganz wichtig. Wir brauchen Standards in unserer Trainerausbildung - insbesondere in den Lehrplänen für die Lizenzausbildung.

Die B- und C-Trainerausbildung wurde vor Jahren an die Landesverbände delegiert, aber da sich der Dachverband über lange Jahre seiner Verantwortung für Standards zu wenig gestellt hat, sind die Ausbildungspläne in den Landesverbänden sehr divergent.

Da brauchen wir unbedingt einheitliche Standards, die die sich rasant ändernden Entwicklungen in unserer Sportart aufgreifen und in entsprechende Lehrpläne umsetzen.

Es gibt eine kleine Steuergruppe im DHB-Lehrwesen, die sich genau damit beschäftigt und im Einklang mit der neuen Rahmentrainingskonzeption, die bis Ende des Kalenderjahres revidiert sein soll, solche Standards für die B-und C-Trainerausbildung entwickelt.

Und was ist der zweite Aspekt?

Michael Neuhaus:
Die didaktische Konzeption von Aus- und Fortbildungen. Ich bin davon überzeugt, dass wir - zugunsten der bisher praktizierten Orientierung an Inhalten - eine stärkere Kompetenzorientierung benötigen. Zudem sollten wir abrücken von reinen Präsenz- und Demoveranstaltungen!

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen auf unseren Lehrgängen viel mehr aktiviert werden - kognitive Aktivierung ist hier das Stichwort - und Maßnahmen schaffen, durch welche die Trainerinnen und Trainer sich noch mehr mitgenommen fühlen. Sie sollen ihre Voraussetzungen doch aktiv einbringen können und das Gefühl haben, dass sie Rüstzeug erwerben, das sie im Alltag ihres Vereins einsetzen können - und nicht nur PDFs sammeln.

Wenn dann noch auf unseren Lehrgängen eine "emotionale Imprägnierung" gelingt, also die Fähigkeit der Ausbilder greift ,ihre Schützlinge bei Lehrgängen zu begeistern, mitzunehmen und "Spuren zu hinterlassen", dann wäre es natürlich besonders gut.

Wenn Sie persönlich auf die dreieinhalb Jahre zurückblicken: Was nehmen Sie aus dieser Zeit mit?

Michael Neuhaus:
Neben der persönlichen Wertschätzung, die ich im Rahmen der Begleitung unserer Lehrgangsmaßnahmen spüre, auf jeden Fall die Erkenntnis und Freude darüber, dass es gelungen ist, die Resonanz für die Wichtigkeit eines lebendigen und wertigen "DHB-Lehrwesens" auf allen Verantwortungsebenen des Dachverbandes, den Vereinen der HBL und HBF sowie den Landesverbänden signifikant zu steigern und vor allem die Rückmeldungen aus den Lehrgängen, dass die beabsichtigte Qualitätssteigerung auf einem offenbar guten Weg ist. Damit sind in diesen knapp vier Jahren erste Meilensteine erreicht worden, sie fordern aber auch auf, jetzt daran anzuknüpfen und das ist auch meine Erwartung an die Entscheider in unserem Dachverband.

Welche Erwartung haben Sie konkret?

Michael Neuhaus:
Nachdem wir "den Zug auf die Gleise gestellt haben", muss nun auch sukzessive das verantwortliche Personal bereitgestellt werden. Es fehlt ein hauptamtlicher Zugführer - um im Bild zu bleiben, um das signifikant gewachsene Lehrgangsportfolio auch zu bedienen und um zugleich die Relevanz des Themas "Bildung im DHB" auch strategisch gegenüber Organisationen wie dem DOSB , den Universitäten oder den internationalen Verbänden nachhaltig zu begleiten.

Da sind einem ehrenamtlich wirkenden Bundeslehrwart einfach zeitliche Grenzen gesetzt. Darüber hinaus ist ein digitales Trainer Center als Lernplattform für den gesamten Verband technologisch entwickelt und pilotmäßig erprobt worden, aber deren künftige Steuerung bedarf - will man es auch den Landesverbänden zur Verfügung stellen - eines weiteren hauptamtlichen Zugführers.

» Mehr zum Bereich "Training" auf handball-world





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