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05.10.2017 14:00 Uhr - 1. Bundesliga - Ronald Maier - handball-world

"Wir müssen die Handball-Bundesliga verteidigen!" - Jürgen Schweikardt zur geplanten Europaliga

Jürgen SchweikardtJürgen Schweikardt
Quelle: Bildermacher-sport Jens Körner
Die Terminplanungen zwischen der DKB Handball-Bundesliga und der VELUX EHF Champions League haben in den letzten Tagen und Wochen große Wellen geschlagen. Inwiefern dies auch Auswirkungen auf die kleineren Clubs hat, erklärt Jürgen Schweikardt, Geschäftsführer des TVB Stuttgart, im großen Interview mit handball-world. Gerade die Entwicklung der Champions League und die Pläne für eine Europaliga betrachtet er mit Sorge und fordert in der HBL sich klar zu positionieren. Eine Europaliga entsprechend den aktuellen Plänen sei mit einem funktionierenden Liga-Spielbetrieb nicht in Einklang zu bringen, dafür wirft Schweikardt alternative und unkonventionelle Lösungsansätze in den Raum.

Die Rhein-Neckar Löwen spielen im November am Samstag in Leipzig und am Sonntag in Barcelona. Darüber wurde viel gesprochen, aber inwiefern betrifft das Sie und Ihren TVB Stuttgart?

Jürgen Schweikardt:
In erster Linie trifft es den Handballfan und die Spieler der Rhein-Neckar Löwen. Jeder kann sich ausmalen, dass die Rhein-Neckar Löwen in keinem der beiden Spiele an ihre Leistungsgrenzen gehen können - auch oder vor allem mental. Das grenzt schon an Wettbewerbsverzerrung. Und dies wirft dann natürlich ein absurdes Licht auf den Handball. Wir wollen ein professionelles Produkt vermarkten, aber wie erklärt man solch einen Spielplan denn einem potenziellen Sponsor. Durch solche Ansetzungen verliert der Handball an Glaubwürdigkeit und deshalb betrifft es alle Vereine.

Wir reden jetzt über die aktuellen Terminkollisionen zwischen Bundesliga und Champions League, die gab es aber auch in der Vergangenheit. Gefühlt hat sich die Problematik verschärft, woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Jürgen Schweikardt:
Wir hatten die Probleme jedes Jahr, letzte Saison hat es auch unseren Verein erwischt. Wir mussten unser Spiel in Kiel wegen deren CL-Termin sehr kurzfristig verlegen und hatten dadurch zusätzliche Reisekosten. Dass sich die Situation diese Saison in der Tat verschärft hat, liegt am festgezurrten Spielplan der DKB Handball-Bundesliga. In den letzten Jahren hat die HBL gefühlt an fast jedem Tag in der Woche gespielt, da konnte man einem CL-Spiel einfacher ausweichen. Mit der Fixierung gemeinsam mit Sky auf Donnerstag und Sonntag ist es einerseits schwerer geworden und die Probleme die bislang im Hintergrund gelöst wurden, wurden offensichtlicher.

Also liegen die Probleme an der HBL?

Jürgen Schweikardt:
Ganz ausdrücklich: Nein! Für die Weiterentwicklung der HBL sind feste Anwurfzeiten unerlässlich - auch wenn man über die aktuell gewählten Zeiten streiten kann. Aber nur damit immer mehr europäische Spiele im Terminplan untergebracht werden können, kann die HBL nicht auf feste Anwurfzeiten verzichten. Mit der HBL haben wir eine funktionierende Liga, in der jeder jeden schlagen kann und jedes Spiel stellt für jeden Verein eine Herausforderung dar. Das können nicht viele Ligen in Europa von sich behaupten, schon gar nicht auf unserem hohen Niveau. Und die HBL leidet zunehmend unter der ständig steigenden Zahl an internationalen Spielen.

Dann lassen Sie uns diesen Punkt vertiefen und einen Blick auf die Champions League werfen. Gerade wenn Sie sagen die HBL wäre nicht die Ursache, ist es dann die Champions League?

Jürgen Schweikardt:
Gerade an dieser Stelle sollten wir den Bogen weiter spannen. Wenn ich mal zum Fußball blicke, dann ist da nicht nur die Gruppenphase in der Champions League erheblich kleiner, dann ist es dort vor allem so, dass die allermeisten Vereine grundsätzlich mit ihren nationalen Ligen zufrieden sind und die Champions League für sie die Krönung, quasi das i-Tüpfelchen darstellt. Ein Stück weit kennen wir das im Handball auch so von den deutschen Clubs. Das war es dann aber schon mit der Parallele. Denn in der Champions League im Handball treffen zu viele unterschiedliche Interessen aufeinander.

Plakativ gesprochen: Jeder Club würde gern in der Champions League spielen und jeder würde sie gern gewinnen. Wo sind da die Interessensunterschiede?

Jürgen Schweikardt:
Dass eben die Teilnahme an der Champions League für die Clubs aus den verschiedenen Ländern eine ganz andere Relevanz hat. Die meisten europäischen Topclubs kommen aus nationalen Ligen, die in der Breite kein professionelles Niveau haben. Nehmen wir den FC Barcelona um dessen Spiel gegen die Rhein-Neckar Löwen es immer wieder geht, der wurde im Sommer Meister mit 60:0 Punkten und hat jedes Spiel im Schnitt mit über acht Toren gewonnen. Nebenbei bemerkt, Vize-Meister Ademar León hat neben den zwei Niederlagen gegen Barcelona nur einen Punkt abgegeben.

Das heißt aus Sicht der deutschen Clubs, dass sich Barcelona in der heimischen Liga schont, regeneriert und auf die Champions League vorbereitet. Aus Sicht Barcelonas heißt das aber, dass die Liga vollkommen uninteressant ist und der Verein die Champions League zwingend braucht um das Produkt Handball in der katalanischen Hauptstadt überhaupt vermarkten zu können. Die logische Konsequenz: Barcelona will so viel CL-Spiele wie möglich bestreiten. Und so geht es nicht nur Barcelona, das geht fast allen europäischen Topclubs so. Kielce, Veszprém, Skopje, Zagreb usw. sie alle haben großes Interesse an vielen CL-Spielen.

Und aus diesem Grund wird wohl gerade eine Europaliga diskutiert. Was ist da Ihr Kenntnisstand?

Jürgen Schweikardt:
Mein Kenntnisstand ist derselbe, den sich jeder über Interviews und einzelne Äußerungen zusammenreimen kann, mehr weiß ich da auch nicht. Demnach ist wohl eine 12er-Liga ab 2019 im Gespräch, die danach noch Viertelfinale und das Final Four in Köln bestreiten. Für jeden Club, aus Deutschland sind zwei vorgesehen, sind das 22 bis 26 Spiele. Die Zahlen muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: bis zu 26 Spiele zusätzlich zu den 34 Spielen der Bundesliga kommen. Pokal- und Länderspiele kommen noch on top. Und da wie erwähnt jedes Spiel in der Bundesliga, auch für die Topclubs, fordernd ist, ist die Belastung für die Spieler nicht mehr hinnehmbar und wird den Trend weiter verstärken, dass die absoluten Topspieler die sich ihren Arbeitgeber aussuchen können die HBL meiden werden. Dass dies zu Lasten der Attraktivität der HBL und all ihrer Vereine geht muss jedem klar sein.

Und es betrifft wie erwähnt auch die Spieler. Noch mehr Spiele und gleichzeitig immer weniger Topstars in Deutschland. Was würde die Europaliga aus Ihrer Sicht hier konkret bedeuten?

Jürgen Schweikardt:
Zuerst einmal bedeutet es für Topspieler am Ende einer Saison über 80 Pflichtspiele in Liga, Pokal, Europaliga und Nationalmannschaft. Von einem Olympia-Jahr und den Vorbereitungsspielen reden wir noch nicht einmal. Dafür will ich die ganz unterschiedliche Qualität der Spiele nochmals herausstellen. In einer spanischen 16er-Liga hat ein Weltstar aus Barcelona nicht so viele Spiele weniger, aber er hat im Verein eben nur die 22 bis 26 Europaliga-Spiele, die ihn physisch und psychisch fordern. Jeder Profi-Handballer würde gern Champions League spielen, aber wer es sich als Topstar raussuchen kann, gerade wenn er in Richtung Karriereende geht und seinen Körper immer mehr spürt, für den ist ein Topclub außerhalb Deutschlands interessanter. Das merken wir jetzt schon mit der aufgeblähten CL-Gruppenphase und das wird mit der geplanten Europaliga noch extremer werden.

Dann liegt die Lösung doch auf der Hand, die HBL muss verkleinert werden.

Jürgen Schweikardt:
Genau das höre ich immer wieder. Und ich halte es eben für den falschen Weg. Warum ein gut funktionierendes Produkt verändern und beschädigen? Warum reden wir immer von der stärksten Liga der Welt? Weil wir in den ersten beiden Ligen Deutschlands nahezu 30 Standorte haben, die Profihandball seriös finanziert bekommen. Durch eine gesunde Sponsorenpyramide und Zuschauereinnahmen. Jeder dieser knapp 30 Vereine ist ein regionaler Leuchtturm unserer Sportart, der sich mit Schul- und Vereinskooperationen um die Flächendeckung und die Zukunft unserer Sportart bemüht. Wir führen einen fairen Wettkampf durch, sportlich und wirtschaftlich, da macht es doch keinen Sinn die Liga zu verkleinern.

Und das ist außerhalb der HBL anders?

Jürgen Schweikardt:
In den meisten Ligen schon. Hier gibt es oft ein oder zwei sehr finanzstarke Topclubs, meist ohne klassische Sponsorenpyramide, sondern finanziert durch Mäzene, durch Quersubventionierungen aus anderen Sportarten oder durch Unterstützung von staatlicher Seite. Die restlichen Teams in diesen Ligen sind dann oft eher Amateurvereine. Dadurch sind diese Ligen bereits vor der Saison entschieden.

Diese "Langeweile" führt dazu, dass die Topvereine kein wirkliches Interesse an ihrer heimischen Liga haben, sondern ihr Hauptaugenmerk auf die CL legen und deshalb eben am liebsten, und das aus deren Sicht auch zurecht, in einer großen Europaliga spielen möchten.

Und dies ist eben der angesprochene, entscheidende Interessenkonflikt zur HBL. Für die HBL-Vereine wäre ein CL-Modell wie es der Fussball vorlebt ideal, für viele andere europäische Topclubs ist eine Europaliga die Lösung. Dieser Interessenskonflikt ist für mich der Grund warum es ganz neuer Ansätze bedarf um eine der Sportart Handball zuträgliche Lösung zu finden.

Wie könnte so eine Lösung für die verschiedenen Interessen aussehen?

Jürgen Schweikardt:
Es muss eine Lösung gefunden werden in der die europäischen Topvereine mehr Spiele gegen internationale Gegner haben können und gleichzeitig die deutschen oder z.B. auch französischen Spitzenvereine weniger: Zum Beispiel könnten die deutschen Clubs die Gruppenphase der Champions League nicht mitspielen und steigen mit zwei Clubs erst in ein Achtelfinale ein. Vielleicht können wir auch die Probleme ausländischer Topclubs lösen, in dem sich einige nationale Ligen öffnen.

Warum denkt man nicht darüber nach, dass Barcelona in Frankreich mitspielt, auch wir könnten die HBL öffnen, für den einen oder anderen Topclub. Die BeNe-Liga oder auch die übergreifende SEHA-Liga könnten hier Anregungen bieten. Und im Frühjahr kommen die Topclubs zusammen und spielen ihre europäischen Play-Offs.

Eins steht für mich jedenfalls fest. Noch mehr Spiele für unsere deutschen Topvereine und unsere Topspieler, gefährdet die Attraktivität der gesamten HBL und des ganzen Handballs in Deutschland. Es müssen weniger, nicht mehr Spiele ausgetragen werden. Auch wenn das nicht immer der beste finanzielle Weg für die Verbände ist, es ist der beste Weg für den Handball.

Wie realistisch ist die Umsetzung solcher Ansätze?

Jürgen Schweikardt:
Wenn alle die Weiterentwicklung der Sportart Handball vor kurzfristige Vermarktungserlöse und persönliche Interesse stellen, dann gibt es sicher eine Lösung. Der Handball profitiert in ganz Europa von unserer starken und homogenen Bundesliga, der Handball braucht die HBL. Andererseits brauchen der Handball und die HBL natürlich auch starke europäische Vereinswettbewerbe. Fakt ist aber, dass alle auf einen Teil verzichten müssen.

Vielleicht müssen die HBL-Vereine Zugeständnis bei einem festen Wochenspielplan machen, in Wochen in denen auch europäisch gespielt wird. Darüber hinaus sehe ich aber vor allem die EHF und auch die IHF am Zug. Es muss zu einer Reduzierung der europäischen Vereinsspiele kommen, zumindest für die deutschen Vereine. Und ich bin wie viele andere auch der Meinung, dass die Welt- und Europameisterschaften unbedingt im Vier-Jahresrythmus gespielt werden müssen. Diese Maßnahmen bringen vielleicht im ersten Moment weniger Einnahmen für alle Beteiligten, werden die Attraktivität der Sportart Handball jedoch steigern. Und darum sollte es uns doch allen gehen. Eine Europaliga im aktuell angedachten Modus ist für mich mehr als kontraproduktiv.

Wie werden Sie sich und der TVB Stuttgart dann hier positionieren?

Jürgen Schweikardt:
Es geht mir hier nicht direkt um den TVB Stuttgart. Es geht mir um die HBL auch abseits der Topvereine. Die Champions League in ihrer jetzigen Form und erst Recht die geplante Europaliga gefährden die funktionierende HBL. Die DKB Handball-Bundesliga mit ihren Vereinen muss sich hier ganz klar positionieren und wir müssen unsere Liga verteidigen!

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