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26.12.2017 12:15 Uhr - Beachhandball - jun

Schiedsrichterwesen im Beachhandball: Einheitlichkeit statt "Wildwuchs"

Jesper Stumpfe und Bjarne Deiters sind das einzige EHF-Gespann aus DeutschlandJesper Stumpfe und Bjarne Deiters sind das einzige EHF-Gespann aus Deutschland
Quelle: jun
Sommer, Sonne, Strand - und Beachhandball: Wenn die Saison in der Halle pausiert, zieht es immer mehr Handballer in den Sand. Der Beachhandball erlebt in Deutschland aktuell einen Aufschwung und träumt langfristig gar von einer Aufnahme ins Olympische Programm. Im Zuge dieser Entwicklung hat sich auch der Deutsche Handballbund der Sandvariante angenommen, Nationalmannschaften einberufen und wieder eine offizielle Deutsche Meisterschaft eingeführt. Auch die Entwicklung des Schiedsrichterwesens spielt eine wichtige Rolle. Das Motto dabei: Einheitlichkeit statt Wildwuchs - und eine vorsichtige Annäherung an die Halle.

Die treibende Kraft hinter der Entwicklung des Schiedsrichterwesens in der Sandvariante ist Andreas Jakob. Der Vorsitzende des Beachhandball-Ausschusses pfeift in der Halle im Drittligakader des DHB und ist im Sand als Delegierter des europäischen Verbandes EHF unterwegs. Seit 2014 wurden unter seiner Leitung einheitliche Lehrgänge konzipiert, Multiplikatoren ausgebildet und eine Kaderstruktur geschaffen. "Wir sind durch die Reformen sukzessive auf ein gutes Niveau gekommen", freut sich Jakob über die ersten Erfolge.

Insgesamt gibt es in Deutschland derzeit mehr als 150 gemeldete Beachhandball-Schiedsrichter, die in den vergangenen drei Jahren an einem der offiziellen und bundesweit einheitlichen Ausbildungskurse teilgenommen haben. "In den verschiedenen Landesverbänden wurden Schiedsrichter bis 2009 nach unterschiedlichen Regeln ausgebildet", blickt Jakob zurück.

Um diesen "Wildwuchs" einzufangen, entwickelte der DHB ein einheitliches Konzept, das die 21 ausgebildeten Multiplikatoren des Verbandes bei der Ausbildung neuer Beachhandball-Schiedsrichter anwenden. In einem dreistündigen Kurs wird dabei anhand einer von DHB-Referentin Denise Westhäusler erstellten Präsentation mit Videobeispielen die korrekte internationale Regelauslegung vermittelt. "Wir wollen von Schleswig-Holstein bis Bayern eine einheitliche Linie bei unseren Schiedsrichtern", erläutert Jakob das Ziel und gibt offen zu: "Das ist derzeit jedoch leider noch Zukunftsmusik, wie man gerade auf vielen kleineren Turnieren sieht. Ich hätte mir gewünscht, dass wir hier schon weiter sind."

Obwohl ein Schiedsrichterschein für die Halle kein Muss ist, besitzt ein Großteil der Beachhandballreferees auch eine solche Lizenz. Der größte Unterschied zwischen den beiden Spielvarianten ist das Abwehrverhalten. "Wir praktizieren im Beachhandball ja ein fast körperloses Abwehrverhalten; es gibt eine klare Definition von Abwehrspiel: Blocken ist erlaubt, das Antizipieren der Ballwege ist erlaubt, ebenso das Herausspielen", erläutert Jakob. "Jeglichen Körperkontakt - anfassen, schubsen und umklammern - wollen wir beim Beachhandball jedoch nicht sehen, das wird rigoros unterbunden."

Für viele Schiedsrichter ist das eine schwierige Umstellung, denn ein Körperkontakt, der in der Halle nicht einmal mit einem Freiwurf geahndet wird, kann im Sand zu einer Hinausstellung führen. Auch die Taktik ist aufgrund der Spielregeln, was Überzahl und Wechselzone angeht, eine ganz andere als im Hallenhandball; hinzu kommt der teilweise tückische Untergrund. "Das Bewegen im Sand ist etwas ganz anderes; außerdem müssen unsere Schiedsrichter wissen, dass sie jederzeit über eine Sandwelle stolpern könnten", so Jakob. Mit dem Spin Shot (einer Drehung um 360 Grad vor dem Wurf) und dem Kempa gibt es zudem zwei technisch anspruchsvolle Aktionen, bei denen die Schiedsrichter in Sekundenbruchteilen entscheiden müssen, ob sie zwei Punkte vergeben - oder nur einen, weil die Ausführung nicht sauber war.

Um eine optimale Förderung zu gewährleisten, wurde in den vergangenen Monaten eine Kaderstruktur geschaffen. Die unterste Stufe ist der so genannte Lizenzkader, in dem alle Schiedsrichter Mitglied sind, welche den offiziellen Ausbildungskurs absolviert haben. Die zweite Stufe sind die Landeskader, welche die Landesverbände gerade sukzessive einführen. Auf den Landeskader folgt der Bundeskader, die oberste Stufe ist - kongruent zum System des Hallenhandballs - der Elitekader. Zudem sollen zwei Förderkader aufgebaut werden, um talentierte Gespanne optimal betreuen zu können.

Aushängeschild des Schiedsrichterwesens im Sand sind Jesper Stumpfe und Bjarne Deiters, derzeit die beiden einzigen Referees des Elitekaders. Das junge Gespann aus Niedersachsen hat einen steilen Aufstieg hingelegt, leitete 2016 im Alter von 17 Jahren das Männer-Finale der European Beachhandball-Tour und wurde von der EHF unlängst für die Europameisterschaften nominiert, die im Juli in Kroatien stattfanden. "Wir waren ebenso überrascht wie erfreut", erinnert sich Deiters, der mit seinem Partner zu überzeugen wusste: "Unsere Spiele sind zufriedenstellen gelaufen, wir haben gute Resonanz bekommen."

Entdeckt wurde das Duo vor zwei Jahren von Männer-Nationaltrainer Kai Bierbaum. "Die beiden gehen darin auf und haben einen tollen Weg gemacht", freut sich der Vorsitzende des Beachhandball-Ausschusses. "Sie haben nicht nur Talent, sondern sind begierig auf jede Rückmeldung, die sie dann auch schnell umzusetzen wissen." Obwohl Deiters und Stumpfe auch einen Schiedsrichterschein für die Halle haben, liegt ihr Fokus derzeit auf dem Beachhandball. Die beiden haben im Sand große Ziele. "Eine IHF-Nominierung wäre schon ein Traum", gibt Deiters zu, betont jedoch auch: "Das ist noch ein weiter Weg, für den wir noch hart an uns arbeiten müssen."

Mit der Einführung der einheitlichen Ausbildung sowie der neuen Kaderstruktur hat das Schiedsrichterwesen im Beachhandball einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht. Ein weiterer soll mittelfristig folgen: Die Integration in den Schiedsrichterausschuss des DHB. Erste Gespräche hat es zwischen Jakob, DHB-Schiedsrichterwart Wolfgang Jamelle und Denise Westhäusler, der Referentin für die Multiplikatorenausbildung im Beachhandball, bereits gegeben; der Austausch wird seitdem stetig fortgesetzt.

"Das Schiedsrichterwesen Beachhandball als Ressort in den Schiedsrichterausschuss zu integrieren, ist unser Ziel", bestätigt Jamelle. "Wir werden die Gespräche nach der Beachhandball-Saison intensivieren und eine Entscheidung im Schiedsrichterausschuss eventuell bereits im Januar auf unserer Sitzung treffen." Jakob zeigt sich über die Aussicht erfreut: "Wir haben die Möglichkeiten der Kooperation bzw. Symbiose auf Augenhöhe besprochen", unterstreicht er und betont: "Es ist schön, dass von Seiten des Hallenhandballs ein Schritt auf uns zu gemacht worden ist."

Dem bisherigen Grundsatz des Verbandes - "Wer in der Halle hoch pfeift, hat im Sand nichts verloren" - will Jamelle nicht folgen. "Man muss da sicherlich ein bisschen umdenken", zeigt sich der DHB-Schiedsrichterwart offen. "Natürlich brauchen unsere absoluten Spitzenschiedsrichter aus dem Elite- und Eliteanschlusskader den Sommer als Regenerationsphase, aber darunter sehe ich das durchaus als interessante Geschichte - gerade auch für unsere jüngeren Schiedsrichter".

Auch Jakob betont die Vorteile, welche der Einsatz im Sand für das Pfeifen in der Halle haben kann. "Der Beachhandball ist im Sommer eine sehr gute Vorbereitung auf die Halle, sowohl konditionell als auch koordinativ." Außerdem würden gerade das periphere Sehen als auch der Umgang mit Überzahlsituationen geschult. "Da sind unsere Schiedsrichter den Kollegen aus der Halle noch voraus."

Die Entscheidung, ob der Beachhandball tatsächlich olympisch wird, fällt frühestens 2019. Die Entwicklung des Schiedsrichterwesens will Jakob bis dahin - und davon unabhängig - weiter vorantreiben. "Wir haben doch auch eine Verantwortung für den Breitensport", betont er. Dass eine Entscheidung gegen die Aufnahme ins Olympische Programm das Ende des Beachhandballs im DHB bedeuten würde, glaubt er nicht: "Wir werden bei einer Nicht-Aufnahme ins Olympische Programm nicht alles zusammenbrechen lassen. Welt- und Europameisterschaften wird es ja weiterhin geben - und damit bleibt auch der Beachhandball weiter auf dem Tapet."

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