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05.02.2018 07:00 Uhr - Weltmeisterschaft - cie, red

Auf den Tag genau vor 40 Jahren: Deutschland gewinnt Finale der "WM 1978"

Das Weltmeisterteam 1978Das Weltmeisterteam 1978
Quelle: kurt-kluehspies.de
Auf den Tag genau vor 40 Jahren sicherte sich die deutsche Auswahl in einem unglaublichen Finale gegen die favorisierte Sowjetunion den Weltmeistertitel, doch auch der vorherige Turnierverlauf hatte es in sich. Zum entscheidenden Kriterium wurden schon damals die Gegenstöße, die dem DHB-Team gegen die sowjetische Mauer einige einfache Treffer erlaubten. Doch viel mehr als das eigentliche Spiel sind die Anektdoten am Rand in die Geschichte eingegangen, auch, weil dieser Sieg von immenser Bedeutung und Strahlkraft für den deutschen Handball wurde. handball-world blickt zurück auf den 5. Februar 1978.

Kopenhagen, 5. Februar 1978: In der Bröndby-Halle erwarten 7.000 Zuschauer das Finale zwischen der deutschen und der sowjetischen Auswahl, das Duell Ost gegen West. Zahlreiche deutsche Fans - unbestätigten Angaben nach über 2.000 - hatten sich auf allen erdenklichen Wegen Karten für das Finale besorgt und nach sechzig nervenaufreibenden Minuten sollten sich die Fans, wie die Spieler auf dem Parkett, in den Armen liegen. Außenseiter Deutschland hatte den großen Favoriten Sowjetunion mit 20:19 (11:11) bezwungen und war erstmals nach 1938 wieder Weltmeister im Hallen-Handball. Ein Erfolg, von dem der deutsche Handball zehrte, als 2007 der dritte WM-Sieg gelang.

Die Vorbereitung

Die WM war für alle teilnehmenden Nationen von immenser Bedeutung, denn die ersten sieben Teams der WM hatten das Ticket für die Olympischen Spiele 1980 in Moskau sicher und zu diesem Zeitpunkt war noch nicht abzusehen, dass der Ost-West-Konflikt 1980 für den Boykott der westlichen Nationen sorgen würde. Bereits bei der WM 1978 spielte der Ost-West-Konflikt aber schon eine große Rolle, auch aufgrund der vorherigen Duelle, wie beispielsweise dem Aufeinandertreffen der beiden deutschen Teams in der Olympiaqualifikation 1976.

Während sich die deutsche Auswahl akribisch, aber im normalen Rahmen auf die WM vorbereitete, gingen einige Nationen andere Wege: In Island wurde die Nationalmannschaft über einen Monat vor WM-Beginn bereits "einkaserniert", um mit zwei gemeinsamen Trainingseinheiten am Tag die Weichen für eine erfolgreiche WM zu stellen. In der Sowjetunion wurde unterdessen auf eine Austragung der nationalen Meisterschaft in diesem Jahr verzichtet. Die deutsche Auswahl bewies ihre Form übrigens kurz vor der WM mit zwei Siegen gegen Spanien.

Warmlaufen in der Vorrunde

Die Vorrunde barg für die deutsche Auswahl, die mit 23,6 Jahren im Schnitt das jüngste Team im Wettbewerb stellte, einige Stolpersteine, der erste war die Auswahl der Tschechoslowakei, doch der Weltmeister von 1967 und Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele 1972 konnte nicht an alte Erfolge anknüpfen. Vor 2.100 Zuschauern erspielte sich die deutsche Auswahl bereits im ersten Abschnitt eine Drei-Tore-Führung und behauptete diese dank einer guten Deckungsarbeit - den Tschechoslowaken waren im ersten Abschnitt nur fünf Tore gelungen - bis zum Spielende.

Lediglich drei Treffer gelangen in der zweiten Partie den Kanadiern im ersten Abschnitt gegen die deutsche Auswahl, am Ende stand ein souveräner 20:10-Pflichtsieg zu Buche. Auch im dritten Spiel legte die deutsche Auswahl den Grundstein zum Sieg bereits im ersten Abschnitt, 9:5 hieß es zum Seitenwechsel gegen Jugoslawien, am Ende stand ein ungefährdetes 18:13 zu Buche, bei dem der junge Arnulf Meffle sieben Tore erzielte.

Kuriose Hauptrunde: Zwei Unentschieden reichen zur Finalteilnahme

In der Hauptrunde wurde das Turnier dann zum ersten Mal kurios, nicht nur der deutsche Bruderkampf zwischen der BRD und der DDR, die ihre Gruppe trotz einer Niederlage gegen Ungarn dank eines Sieges gegen Rumänien für sich entschieden hatte, endete mit einem Unentschieden, auch das deutsche Duell mit Rumänien hatte keinen Sieger.

Gegen die DDR hatte die bundesdeutsche Auswahl vor 4.200 Zuschauern zur Halbzeit mit 7:9 hinten gelegen, dann aber drehte vor allem Kurt Klühspies auf, auch dank seiner fünf Treffer reichte es am Ende noch zum 14:14. Im Spiel gegen Rumänien vergab die deutsche Auswahl unter anderem drei Siebenmeter und musste nach dem 8:6 zur Pause so am Ende ein 17:17 hinnehmen.

Doch auch ohne Sieg sollte es für die bundesdeutsche Auswahl reichen, da die DDR in ihrem abschließenden Spiel gegen Jugoslawien nicht über ein 16:16 hinauskam. So blieb das jugoslawische 17:16 gegen Rumänien der einzige Sieg in dieser Hauptrundengruppe, in der so der deutlichen Vorrundenerfolg gegen Jugoslawien, den die bundesdeutsche Auswahl mit in die Hauptrunde genommen hatte, dem Team von Vlado Stenzel den Eintritt in das Finale bescherte.

Das Finale: Deutschland gegen die übermächtigen Sowjets

Die sowjetische Auswahl galt im Turnier als der klare Favorit und angesichts der körperlichen Überlegenheit der sowjetischen Athleten machte in einigen deutschen Blättern der Vergleich von David und Goliath die Runde. Die Deutschen besaßen dabei zwar keine Steinschleuder, sie versuchten den favorisierten Gegner aber mit einer konzentrierten Deckungsleistung, Tempo und Spielwitz zu Fall zu bringen.

Lediglich gegen Gastgeber Dänemark hatten die Sowjets im vorherigen Turnierverlauf in der Vorrunde einige Schwächen gezeigt, bereits vor diesem Spiel hatte sich die sowjetische Auswahl aber nach einer 24:12-Demontage gegen Spanien und einem 22:18 gegen Island das Ticket in die Hauptrunde gesichert. Dort folgten ein 24:18 gegen Schweden und ein 18:16 gegen Polen, die die Sowjetunion souverän in das Finale einziehen liessen.

Die deutsche Auswahl ging im Finale zwar mit 1:0 in Führung, doch beim 1:3 und 5:7 schienen die Sowjets ihrer Favoritenstellung gerecht werden zu können. Die deutsche Auswahl zeigte, angeführt von Heiner Brand, aber in der Deckung eine glänzende Leistung und konnte sich zudem auf Manfred Hofmann verlassen, der gleich drei sowjetische Strafwürfe parierte.

Allerdings verwandelten Gassi und Shuk auch deren acht, alleine die Anzahl von elf Strafwürfen in einer Begegnung der damaligen Zeit, zeigt, wie konsequent die deutsche Deckung zu Werke ging und wie hart sich die sowjetische Auswahl jeden Treffer erkämpfen musste. Deutschland kam so wieder auf und konnte zum Seitenwechsel zum 11:11 ausgleichen.

In der Offensive zog Joachim Deckarm geschickt die Fäden und zeigte nicht nur aufgrund seiner sechs Treffer, warum er zu den weltbesten Handballern aller Zeiten gehörte. Doch nicht nur Deckarm zeigte sich torgefährlich, auch Kapitän Horst Spengler, Arno Ehret und Kurt Klühspies erzielten wichtige Tore, zudem trugen sich auch Heiner Brand und Erhard Wunderlich in die Torschützenliste ein.

Doch interessantester Finaltorschütze war sicherlich Dieter Waltke, aufgrund der an Jimmy Hendrix erinnernden Haarpracht nur "Jimmy" gerufen. Bundestrainer Vlado Stenzel hatte Waltke zuvor in keinem Spiel eingesetzt, der Dankersener dachte bereits an die Abreise, doch im letzten Spiel war er nicht nur im Kader, er durfte in der 39. Minute sogar aufs Feld.

Die 193 Sekunden des Dieter Waltke

Und Waltke nutzte diese 193 Sekunden, um eine der Geschichten zu schreiben, die es eigentlich nur im Sport gibt und die exemplarisch für all die Anekdoten stehen soll, die diese WM hervorbrachte. Waltke stand im WM-Finale zumindest erstmals auf dem Spielbericht, doch er durfte in der ersten Halbzeit noch nicht auf das Parkett. In der 39. Spielminute war es dann aber soweit, Stenzel war unzufrieden mit der Deckungsleistung von Arno Ehret und wollte dem Außen eine kurze Auszeit und neue Anweisungen geben.

13:12 stand es zu diesem Augenblick, das Spiel stand auf des Messers Schneide, beide Teams agierten zögerlich. Doch nicht Waltke, der sich von Außen einen Wurf nahm und verwandelte. Damit nicht genug, Deutschland gewinnt in der Deckung den Ball, Brand schickt Waltke auf die Reise und dieser erhöhte auf 15:12. Aber Waltke legte sogar noch, er hatte Selbstvertrauen getankt. Der Außenspieler fasste sich im nächsten deutschen Angriff ein Herz und versuchte es gegen die großgewachsenen Sowjets aus dem Rückraum - erfolgreich, Deutschland führte 16:12.

193 Sekunden hatte Waltke dem Vernehmen nach auf dem Parkett gestanden, danach durfte er wieder auf der Bank Platz nehmen - Ehret kam zurück. Spötter sprachen später davon, dass Stenzel die drei Tore Waltkes gar nicht mitbekommen habe, da er Ehret instruiert habe. Waltke musste die verbleibenden siebzehn Minuten auf der Bank zittern, zittern wie die 2.000 deutschen Fans in der Halle und die unzähligen deutschen Handball-Fans vor den Fernsehern oder Radiogeräten in Deutschland.

Bis zum 20:16 verteidigte die deutsche Auswahl die Führung, doch die Sowjets warfen alles in den Schlußspurt und kamen noch einmal auf. Doch die deutsche Auswahl hielt stand, den Sowjets gelang zwar der Anschlußtreffer zum 20:19, doch am Ende rissen Deckarm, Spengler, Brand, Ehret, Klühspies, Hofmann und Wunderlich die Arme hoch und mit ihnen die Bank, die deutschen Fans in der Halle und nicht nur eine ganze Nation in Westdeutschland, sondern auch zahlreiche Handballfans in Ostdeutschland.

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