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Dagur SigurdssonDagur Sigurdsson
Quelle: groundshots.de

01.07.2017 12:05 Uhr - Weltmeisterschaft - Elisabeth Trübenbach

"Ich habe alles auf den Kopf gestellt" - Dagur Sigurdsson im Interview

Nach der Weltmeisterschaft 2017 in Frankreich beendete Dagur Sigurdsson seine Arbeit beim Deutschen Handballbund als Bundestrainer und wechselte zum japanischen Verband, wo er nun die japanische Nationalmannschaft betreut. Die Herausforderungen dort unterscheiden sich grundsätzlich von seiner vorherigen Aufgabe. "Ich habe alles auf den Kopf gestellt. So gut wie alles ist anders als bei der deutschen Nationalmannschaft", erklärte der Isländer. Im Interview mit handball-world sprach Sigurdsson über die Situation im japanischen Handball, den Weg bis zu den Olympischen Spielen, seine Arbeit mit dem Team, ganz persönliche Herausforderungen als Trainer und die EM-Quali des DHB-Teams...

Dagur, dein Amt als Bundestrainer liegt schon eine Weile hinter dir und deine Arbeit als Nationaltrainer von Japan hat bereits begonnen. Was ist dein erster Eindruck?

Dagur Sigurdsson:
Die Japangeschichte ist eine tolle Sache. Ich bin sehr motiviert, habe alles auf den Kopf gestellt. So gut wie alles ist anders als bei der deutschen Nationalmannschaft, weil eben auch das Team ein ganz anderes ist. Trainings- und coachingmäßig gehe ich auch etwas anders an die Sache ran und mache jetzt wieder viel mehr Organisatorisches drumherum. Bei den deutschen Spielern habe ich versucht alles ein wenig zu reduzieren, aufgrund der Überbelastung durch die hohe Anzahl von Spielen. In Japan kann ich mit den Spielern drei Stunden trainieren. Ich habe Videomaterial ohne Ende, wir analysieren alles, was sie machen, jede Mahlzeit wird gemessen. Wir gehen all-in mit allem, weil das Umfeld das anbietet und die Spieler ganz anders ausgelastet sind als in Europa.

Welche Aktivitäten sind als nächstes geplant?

Dagur Sigurdsson:
Ich habe den ersten Lehrgang hinter mir und fange kommende Woche mit dem nächsten an. Es werden ein paar neue Spieler dabei sein, dann werden wir sehen, wie sie mit dem Kern des letzten Lehrgangs zusammenpassen. Das wird interessant ab der nächsten Woche. Wir machen ein Trainingslager den ganzen Juli und die Hälfte des Augusts. Da fliege ich mit der ganzen Truppe nach Island und mache dort einiges mit ihnen. Wir werden im KEX übernachten und bei Valur trainieren. Dann muss ich etwas warten und im November bereiten wir uns weiter vor auf die Asienmeisterschaft im Januar.

Wie kann man sich die Situation im japanischen Handball vorstellen und was bringt das für deinen Job mit sich?

Dagur Sigurdsson:
Der Vorteil in Japan ist, dass die Liga kleiner ist. Die Spieler sind nicht überbelastet und können mehr trainieren. Auf der anderen Seite ist es ein Nachteil, dass sie eine kleine Liga haben und sehr isoliert sind. Sie spielen sehr viel gegeneinander und immer wieder gegen die gleichen Leute. Da fehlt ein wenig die internationale Erfahrung. Die Wettkampferfahrung und die Erfahrungen mit internationalen Spielen sind sehr gering und daran arbeiten wir jetzt.

Zum Trainingslager habe ich isländische Spieler eingeladen. Die trainieren dann zwei Wochen mit, damit die Japaner auch andere Handballer, körperlich stärkere Spieler, kennen lernen. Das ist der eine Teil. Ansonsten fliegen wir eben auch nach Europa, so wie jetzt im August, um dann viele Spiele gegen Vereinsmannschaften in Island zu machen. Auch im Januar werden wir zum Beispiel nach Europa kommen.

Sind die Handballspieler in Japan Profis?

Dagur Sigurdsson:
Ja, das sind schon Profis, aber nicht so wie hier. Die Vereine sind alle Firmenvereine. Das heißt, zum Beispiel Toyota hat eine Mannschaft und die Spieler sind dann Mitarbeiter von Toyota. Sie bekommen zwar Vorteile, weil sie auch Handball spielen, müssen aber trotzdem normal arbeiten. Sie gehören also zu dieser Firma, was auch die Motivation ein bisschen schwerer macht. Es gibt sozusagen keine Konkurrenz um die Spieler. Sie werden von der Universität genommen, ein bisschen so wie bei Rookies in Amerika, kriegen einen Job in der Firma und eine Position im Handballteam, spielen 15 Jahre und sind danach einfach normale Mitarbeiter. Das heißt, egal ob sie sehr gut spielen oder nicht ganz, das macht keinen großen Unterschied, was das Geld angeht oder auch Wechselmöglichkeiten zu einem anderen Verein, bei dem es mehr gibt. Das ist also nicht so ein Geschäft wie hier in Europa und auch ein wenig eine andere Mentalität beziehungsweise Kultur, als wir sie hier kennen.

Gilt das auch für ausländische Spieler, die nach Japan kommen?

Dagur Sigurdsson:
Ich war drei Jahre nur als Profi da. Das gibt es mittlerweile aber kaum noch. Eigentlich ist alles mit Japanern besetzt und die wenigen, die aus dem Ausland da sind, sind dann "Vollprofis".

Wie sieht es mit Testspielen aus als Vorbereitung auf die großen Turniere?

Dagur Sigurdsson:
Es ist schwer für die Mannschaften dort Trainingsspiele zu machen. Sie können nicht jederzeit nach Europa fliegen. Das geht wegen der Kosten auch gar nicht, jedes Mal so weit mit 25 Leuten zu reisen, um dann nur ein paar Trainingsspiele zu bekommen. Deswegen sind sie relativ isoliert und das wirkt sich eben auch auf die Wettkampferfahrung aus. Das gilt sowohl für die Teams aus der Liga als auch für die Nationalmannschaft.

Gibt es in Asien geeignete Testspielgegner?

Dagur Sigurdsson:
Korea ist natürlich in der Nähe. Die haben auch gute Mannschaften. Wir spielen jetzt im Juli gegen sie. Die Entfernung beträgt zwei Flugstunden, das geht, aber man kann auch nicht immer nur gegen Korea spielen.

Die Voraussetzungen, um international erfolgreich zu sein, scheinen nicht unbedingt optimal...

Dagur Sigurdsson:
In Japan gibt es auch sehr viele sehr positive Sachen. Die Spieler haben nicht diese unglaubliche Belastung wie in Europa ist. Sie haben super Hallen, ein super Umfeld, was die Organisation betrifft. Von der Ausstattung, was die Hallen, Krafträume und so weiter angeht und den strukturellen Bedingungen sind die Japaner, glaube ich, weltweit sehr weit vorne mit dabei.

Da gibt es Olympische Center für mehrere Sportarten, die auf dem neusten Stand sind. Sowas habe ich noch nie gesehen, das ist wirklich unglaublich toll. Es macht Spaß dort zu arbeiten. Von den sportlichen Strukturen wird das bis Olympia 2020 wirklich super. Jetzt müssen wir nur Stück für Stück das Team besser machen. Die Trainer müssen besser ausgebildet werden und mehr Informationen bekommen, damit es da einen besseren Austausch gibt. Sie müssen ein bisschen näher an Europa kommen und auch Material von dort bekommen und daran arbeite ich jetzt - quasi jeden Handballer in Japan mitzunehmen.

Was gefällt dir besonders gut an deiner neuen Aufgabe?

Dagur Sigurdsson:
Man wird wieder frisch. Es sind komplett andere Leute, was auch für Frische sorgt. Ein paar Spieler hatte ich vorher acht Jahre. Da kann ich mir nur vorstellen, wie müde sie waren, immer die gleiche Stimme zu hören (lacht). Das ist schon eine lange Zeit. Auch für das Trainer-Spieler-Verhältnis ist dann etwas Neues gut. Es ist auch schön, wenn man sich nach so einer langen Zeit neu beweisen muss.

Und das musst du jetzt in Japan tun...

Dagur Sigurdsson:
Ja, genau. Jetzt muss ich mich dem neuen Spielerkreis gegenüber beweisen, zeigen, dass ich etwas draufhabe und dass ich ihnen helfen kann. Ich muss ihnen zeigen, dass ich die richtige Taktik und die richtige Aufstellung für diese Mannschaft finden kann. Es ist nicht genug, dass ich glaube, dass ich das machen kann. Auch die Spieler müssen daran glauben. Sie müssen das Gefühl haben, er trifft die richtigen Entscheidungen und holt den einen oder anderen Spieler dazu, der uns helfen kann. Wir sind jetzt gerade am Anfang dieses Weges. Ich bin sehr optimistisch. Es wird wohl eine lange Zeit dauern und ich werde auch das eine oder andere Mal schlucken müssen. Aber ich bin positiv eingestellt und glaube, dass es funktionieren wird.

Helfen dir dabei deine vorherigen Erfolge?

Dagur Sigurdsson:
Das hilft im Trainergeschäft natürlich immer, ein bisschen Lobby zu haben gegenüber der Mannschaft. Wenn ein Trainer kommt mit großer Lobby, muss er vielleicht 20 Prozent der Spieler überzeugen. Kommt ein normaler Trainer, muss er vielleicht 50 Prozent der Kabine überzeugen und bei einem unerfahrenen sind es vielleicht 80 Prozent. Manchmal gelingt das in den ersten paar Wochen oder Monaten.

Ich kann nur sagen, dass das zum Beispiel bei den Füchsen, als ich dort angefangen habe, bis April gedauert hat, bis ich tatsächlich das Gefühl hatte, dass ich der Mannschaft bei ihrem Sieg geholfen habe. Es waren schon 20 Spiele, bei denen ich gedacht habe, ich habe nichts gemacht. Die Spieler haben gut gespielt und ich habe sie aufgestellt, aber erst später, viel später hatte ich den Eindruck, dass wir gewonnen haben, weil die Taktik stimmte, die Spieler gut eingestellt waren und ich ein bisschen mitgeholfen habe. Dann erst Stück für Stück fängt es an, dass auch die Mannschaft das Vertrauen in den Trainer entwickelt. Und wenn das Vertrauen da ist und die Mannschaft daran glaubt, dass man ihr in der entscheidenden letzten Sekunde wirklich helfen kann, dann kann man auch die nötigen Entscheidungen treffen. Wenn dann 80 Prozent der Spieler dem folgen, steht man ganz gut da - ob die Entscheidung nun immer richtig ist oder auch mal nicht.

Dann geht es für dich bei der japanischen Mannschaft also in nächster Zeit darum, dieses Vertrauen zu gewinnen?

Dagur Sigurdsson:
In Japan bin ich noch ganz am Anfang. Da muss ich mich bei den Trainingseinheiten und auch bei den Spielen beweisen. Wenn bei den Spielern das Vertrauen entsteht und sie merken, wenn wir so spielen, sind wir schwer zu schlagen und unser System ist gut aufgebaut, ist schon viel gewonnen. Das Wichtigste ist jetzt für mich, dass wir uns über die Asienmeisterschaft am Anfang des Jahres für die Weltmeisterschaft 2019 qualifizieren. Das ist nämlich die beste Schule.

Ein sehr gutes Beispiel dafür ist Deutschland. Die WM in Katar war die beste Schule für diese junge Mannschaft. Sie haben da gut gespielt, die Ergebnisse waren vielleicht zum Schluss unglücklich, auch gegen Katar, aber es war für die Weiterentwicklung sehr wichtig. Dann kamen die EM, Olympia und die WM und jetzt ist die ganze Mannschaft einfach gefestigt, hat eine eigene Arbeitsmoral, einen eigenen Humor. Es ist wichtig, dass man diese Eigenschaften hat und das wird jetzt hoffentlich in den nächsten zehn Jahren so weiterleben - diese Mannschaft mit diesem Kern.

Apropos Deutschland: Hast du die EM-Qualifikation des DHB-Teams verfolgt?

Dagur Sigurdsson:
Ich war zu der Zeit in Japan und war da sehr beschäftigt damit, Spieler zu beobachten in der Liga. Ich habe auch an der Uni geschaut, ob ich Spieler mit Potential sehe, mit denen wir es mal probieren können. Wir haben ein paar Tests gemacht und einige waren auch ganz gut.

Ich habe aber die Ergebnisse der Jungs verfolgt, da waren die Spiele gegen Slowenien überragend, aber ich habe die Begegnungen selber nicht gesehen. Die Zeit kommt noch. Wenn ich selber nicht so viel analysieren muss, dann werde ich mir auch mal wieder das eine oder andere Spiel anschauen. Aber es läuft ganz gut und das freut mich.

Mit Iker Romero kommt einer deiner ehemaligen Spieler als Trainer zurück in die Bundesliga. Was sagst du dazu?

Dagur Sigurdsson:
Darüber freue ich mich wahnsinnig. Das ist toll. Das ist eine super Stelle zusammen mit Ortega. Er ist ein sehr erfahrener Trainer und beide zusammen haben alles, was man braucht. Ich glaube, Hannover hat auch die Spieler für die spanische Schule. Das könnte wirklich gut werden, da müssen die Gegner aufpassen. Das wird eine sehr gut organisierte Mannschaft.

Du bist ein Allrounder, der nicht nur als Handballtrainer aktiv ist, sondern auch als Appentwickler, Buchautor und Mitbesitzer eines Hostels. Gibt es derzeit aktuelle Projekte abseits des Spielfeldes?

Dagur Sigurdsson:
Ich habe mich nicht nur im Handball, sondern überall ein bisschen zurückgenommen. Meinen Anteil am KEX habe ich verkleinert. Ansonsten gibt es so ein paar Kleinigkeiten, mit denen ich mich beschäftige. Insgesamt mache ich überall ein bisschen weniger. Nicht, weil es zu viel war, aber weil ich es etwas ruhiger haben möchte, damit ich mehr Zeit für meine Eltern und meine Familie habe. Die Prioritäten sind jetzt etwas anders.



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