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04.08.2016 13:12 Uhr - Olympische Spiele - Wieland Berkholz

Inside-View: Im Gespräch mit Ramon Gallego, Koordinator der IHF-Arbeitsgruppe Neue Regeln

Ramon Gallego, Koordinator IHF-Arbeitsgruppe Neue RegelnRamon Gallego, Koordinator IHF-Arbeitsgruppe Neue Regeln
Quelle: W. Berkholz
Die neuen Regeln sind kurz vor den Olympischen Spielen ein weiterhin heiß diskutiertes Thema. Relativ lautlos wurden sie allerdings bereits bei den Nachwuchsmeisterschaften wie der Juniorinnen-Weltmeisterschaft in Russland eingesetzt. Diese waren der erste IHF-Event, bei dem die neuen Regeln nicht nur als Test, sondern offiziell eingesetzt wurden. Am Rande des Turniers in Moskau sprach Wieland Berkholz für handball-world.com mit Ramon Gallego, der als IHF-Offizieller vor Ort war. Der Spanier ist Koordinator der IHF-Arbeitsgruppe für die neuen Regeln. Im Interview erläutert der 59-jährige Professor für Maschinenbau von der Universität in Gijon den Prozess der Findung und Einführung der neuen Regeln und kündigt neben einem neuen Fragenkatalog auch eine entsprechende Fortbildungsplattform für Schiedsrichter an.

Herr Gallego, können Sie unseren Lesern erklären, wie der Prozess für die Findung und Einführung der neuen Regeln erfolgte?

Ramon Gallego:
Wir starteten mit unserer Arbeitsgruppe bereits 2013 mit dem Versand einer Umfrage an zahlreiche Trainer und Handball-Experten in vielen Ländern. Die Antworten wurden ausgewertet und Gebiete mit Problempunkten zusammengefasst. Auf dem IHF Forum in Dänemark 2014 sprachen wir dann in einem Workshop über die Thematik mit internationalen Top-Coaches, Schiedsrichtern sowie Experten aus dem Vermarktungsbereich, dem Fernsehen sowie den Medien und Sozialen Netzwerken. Auf der Basis dieser Diskussionen haben wir dann die neuen Regeln entwickelt und diese im letzten Jahr bei den Weltmeisterschaften der U18 und U20 sowie den diesjährigen Panamerika-Meisterschaften getestet.

Im Gespräch über die Neuen Regeln werden von Spielern und Trainern aus der Bundesliga immer die höhere Komplexität, das schwerere Verstehen und größere Probleme für die Schiedsrichter genannt. Was sind Ihre Antworten auf diese Bedenken?

Ramon Gallego:
Zunächst vorweg: Alle Regeländerungen sind auch ein Resultat aus den angeforderten Rückmeldungen von Trainern und Spielern.

Das Ziel, das wir angesichts der Erfahrungen mit den Anpassungen bereits als Resultat erreicht haben, war, dass die Regeln für alle Beteiligten objektiver werden. Ein Beispiel ist die Regelung mit den sechs Pässen nach dem Anzeigen des Warnzeichens für das passive Spiel.

Vielleicht wichtiger ist die Anpassung der Regelung für die letzten dreißig Sekunden. Insbesondere in entscheidenden Spielen bestand das Risiko, mit einem Foul den Sieg zu sichern - auf Kosten von einer Sperre für ein Spiel.

Mit der neuen Regel bekommt das Team, das mit einem Tor zurückliegt nun aber im jeweiligen Spiel die Chance auf den Ausgleich. Wir können menschliche Fehler in den letzten dreißig Sekunden nicht eliminieren, aber ich bin überzeugt, dass die Entscheidung richtig ist.

Wie sind Ihre Erfahrungswerte hinsichtlich der Sechs-Pässe-Regelung nach Anzeige der Passiv-Warnung?

Ramon Gallego:
In diesem Turnier (Anm. d. Red.: Die Juniorinnen-WM in Russland) hatten wir mehr als neunzig Spiele und in lediglich drei Spielen gab es Veranlassung gegen mehr als sechs Pässe einzuschreiten. Allerdings war zur gleichen Zeit von den Schiedsrichtern ein sorgsames Beobachten des Deckungsverhaltens notwendig, damit die Abwehrspieler nicht nur den Spieler mit dem Ball festmachen.

Die neuen Regeln wurden nun auch in einem neuen Regelbuch veröffentlicht. Wie ist der Stand beim IHF Fragenkatalog, kommen zu den aktuell 320 Fragen viele weitere hinzu?

Ramon Gallego:
Wir überarbeiten den Fragenkatalog derzeit und werden den Prozess spätestens zum Ende des Jahres abgeschlossen haben. Es wird eine grundlegende Überarbeitung: Fragen werden nicht nur hinzugefügt, wir werden auch Fragen streichen und andere überarbeiten. Die Anzahl der Fragen wird so nicht dramatisch ansteigen, aber der Blick auf die bloße Anzahl der Fragen ist aus meiner Sicht auch falsch.

In der Ausbildung von Schiedsrichtern geht es nicht nur darum, sich an Fragen aus den Tests zu erinnern, sondern es gilt gute Beispiele und Richtlinien für die Interpretation der Regeln zu vermitteln. Ich kann Ihnen ankündigen, dass in den nächsten Wochen auf der Homepage der IHF ein Education Center mit Beispiel-Videos und Richtlinien als Hilfe für die Schiedsrichter eingerichtet wird.

Ein Blick auf das Nachwuchsturnier in Russland. Gibt es Unterschiede in der Leitung von Spielen auf der Nachwuchsebene?

Ramon Gallego:
Der Kernpunkt ist, dass viele der Schiedsrichter vor allem Erfahrungen aus den Ligen im Erwachsenenbereich haben. Bei ihren ersten Spielen in diesem Turnier hatten sie oftmals noch die Auslegung aus den Herren-Ligen im Kopf und sind nicht konsequent gegen Fouls wie das Stoßen vorgegangen. Aber auch Juniorinnen stoßen und auch dies muss bestraft werden.
Wir haben darauf hingewiesen und im Laufe des Turniers wurde dies von den Schiedsrichtern angenommen.

Insgesamt pfiffen die Unparteiischen im gesamten Turnierverlauf wirklich gut.

Wir war der Prozess der Auswahl der Schiedsrichter? Viele von ihnen sind sehr jung und stehen erst am Anfang ihrer internationalen Karriere.

Ramon Gallego:
Vor dem Turnier haben wir alle Schiedsrichter eingeladen und sie bei kontinentalen und nationalen Wettkämpfen beobachtet, dafür sind meine Kollegen und ich zu vielen Turnieren gereist.

Natürlich spielte zudem auch die Leistung bei früheren Events der IHF eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, welche Gespanne berufen wurden.

Vielen Dank für diesen interessanten Inside-View.

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