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13.07.2017 09:59 Uhr - 3. Liga Nord - Frank Heike

Ein Leuchtturm an der Westküste: Die HSG SZOWW verbindet Leistungs- und Breitensport

Die HSG SZOWW verbindet Leistungs- und BreitensportDie HSG SZOWW verbindet Leistungs- und Breitensport
Quelle: HSG SZOWW
Die HSG SZOWW verbindet Leistungs- und Breitensport über die beiden Stammvereine zu einem erfolgreichen Ganzen und ist eines der Handballzentren im Husumer Raum

Da, wo es handballmäßig ganz dünn wird, bei den 16- bis 18-Jährigen, wünscht sich Nicole Gildner deutlich mehr Elternengagement. Sie will niemanden angreifen, sie freut sich ja über jeden jungen Erwachsenen im B- und A-Jugend-Alter, der oder die überhaupt noch Handball spielt. Aber ganz allgemein gesprochen fehlen ihr die Eltern, die den älteren Kindern Handballbegeisterung vorleben.

Bis etwa zur C-Jugend kann Nicole Gildner noch auf gewachsene Strukturen in Handballfamilien zurückgreifen. Das läuft. Danach aber, wenn die Jugendlichen lieber feiern und daddeln wollen ("sie haben ja den ganzen Tag das Handy vor der Nase") und auch sie selbst in Sachen Handballwerbung kein Gehör mehr findet, gehen die jungen Erwachsenen dem Handball verloren.

"Ich finde das sehr schade. Ich fürchte aber, wir können das nicht allein ändern. Obwohl Handball ein tolles Hobby ist und die Gemeinschaftserlebnisse prägen", sagt die Vorsitzende der Spielgemeinschaft mit dem sperrigen Namen: HSG SZOWW, was für Handball-Spielgemeinschaft Sportzentrum Ohrstedt Ostenfeld-Wittbek-Winnert steht. Das ganze passt in keine Zeitungszeile. Deswegen die Abkürzung. Die ja immer noch lang genug ist.

Eine weibliche A-Jugend hat die HSG aktuell übrigens nicht. Das ist ja auch kein Problem, das die schleswig-holsteinische Westküste exklusiv besitzt. Zum veränderten Freizeitverhalten kommt noch die Schule: Wenn die Jugendlichen zehn Stunden in der Lehranstalt verbringen, schwinden Zeit und Lust am Sport. Vielleicht wird die neue Landesregierung aus CDU, FDP und Grünen helfen; sie möchte aus den derzeitigen acht Jahren wieder neun Jahre am Gymnasium machen. Schulschluss um 13 statt um 16 Uhr - das wäre schon mal ein Anfang.

Die HSG ist mit zwölf Jugend-Mannschaften und etwa 130 Spielerinnen und Spielern ein Handball-Leuchtturm an der Westküste. Dort, wo die Nordsee nah, die Wege weit und die Einwohner wenige sind, nimmt die HSG ihren Auftritt als ambitionierter Teil des Breitensports der Stammvereine TSV Ostenfeld und SZ Ohrstedt mit Ausflügen in die Spitze sehr ernst. Auf drei Achtsitzer-Busse kann die HSG dabei dank der Unterstützung der Gemeinden und Stammvereine jedes Wochenende zurückgreifen, um die vielen Teams vom Südwesten des Landes am Hamburger Rand bis hoch an die dänische Grenze zu chauffieren.

Manche Eltern hätten schon den Kopf geschüttelt, wenn es darum ging, dass ihre Kinder in der C-Jugend für ein Spiel den halben Tag unterwegs gewesen seien, wenn es bis nach Burg in Dithmarschen ging. Zwei Spiele am Tag könnten eine Lösung sein, dafür dann auch mal ein freies Wochenende, findet Nicole Gildner. Einer Saison in Turnierform kann sie in weit gestreuten Staffeln einiges abgewinnen.

Es hängt viel an Frauen wie ihr, Jahrgang 1972, Mutter zweier Söhne, halbtags in der Beschaffung bei der Bundeswehr tätig, wohnhaft in Ostenfeld. "Es gab schon Stress zuhause, weil ich soviel unterwegs bin", sagt sie. "Aber ich habe eben ein großes Interesse am Handball." Als Multifunktionärin greift sie an vielen Stellen ein, setzt das, was sie bei Gesprächen und Fortbildungen in Kiel beim HVSH mitnimmt, gewinnbringend im Verein um. Dabei hätte sie als Fahrdienst ihres 16 Jahre alten Sohn Kjell schon genug zu tun.

Er spielt in der B-Jugend der SG Flensburg-Handewitt. Fünf Mal in der Woche trainiert er dort. Gymnasium in Husum bis 16 Uhr, dann mit "Taxi Mama" zum Training in die Duburg- oder Fördehalle. Manchmal fährt Nicole Gildner über Schuby, um Teamkollegen aus dem Schleswiger Raum einzusammeln. Nicht immer sitzt sie am Steuer, aber wenn sie chauffiert, ist sie fünf Stunden von zuhause weg: "Das stresst ganz schön." Natürlich ist sie stolz auf ihren Sohn, der sehr motiviert seinen Weg geht. Auch der jüngere Filius Lennert spielt natürlich Handball, in der B-Jugend der HSG.

Doch nicht nur die großen, auch die kleineren Spieler der HSG müssen zu jedem Training ganz schöne Wege zurücklegen, wenn sie etwa aus Viöl kommen. Nicole Gildner sagt: "Für alle Eltern gibt es zwei große Themen. Die Fahrerei, und die Termine am Wochenende." Schließlich möchte jede Familie auch mal handballfrei haben, um etwas zu unternehmen.

Für die kleinen Vereinsmitglieder sind Spieler wie Kjell Vorbilder. Die Nähe zu Flensburg zieht, und jedes Jahr veranstaltet die HSG Festtage des Handballs mit Bundesliga-Partien der SG Flensburg-A-Jugend, die in Ohrstedt ausgetragen werden. Einmal im Jahr fährt der Förderkreis Ostenfeld zudem mit 40 bis 50 Kindern zu einem Bundesligaspiel der SG-Profimannschaft. Die HSG hat Glück, denn sie wird von drei Förderkreisen unterstützt. Ostenfeld und Ohrstedt fördern die starke Jugendarbeit, unterstützen etwa die jährliche Teilnahme an einem Handballturnier in Dänemark. Und der Förderverein Liga-Handball entlastet bei den Ausgaben für die Mannschaften der Senioren in der Schleswig-Holstein- und der Landesliga. Die 1. Männermannschaft ist gerade in die SH-Liga aufgestiegen; es kommen höhere Ausgaben auf die HSG zu.

Der Verein, die Region, sie leben Handball. Einmal im Jahr veranstaltet die HSG ein Handball-Camp für E- und D-Jugend-Spieler. Die engagierten Nachwuchstrainer der HSG werben schon in Kindergarten und Grundschule für den Handball, so dass dann über die E-Jugend der Grundstock für den Nachwuchs gelegt werden kann. "Ohne aktive Ehrenamtler im Nachwuchs geht bei uns gar nichts", sagt Nicole Gildner.

Den zunächst nicht leichten Zusammenschluss der Klubs aus Ohrstedt und Ostenfeld bezeichnet sie als unerlässlich. "Als Einzelverein hat man kaum noch eine Chance", sagt sie, von Ausnahmen abgesehen. Die Mildstedter und der Bredstedter TSV haben, zur Freude Nicole Gildners (im Sinne der Konkurrenz), beide große Handballsparten mit vielen Mannschaften. Der große Konkurrent Fußball saugt mit vielen Vereinen in Husum und rundherum natürlich sportliche Talente ab.

Als Klage will Nicole Gildner ihre Aussagen nicht verstanden wissen. Sondern als Zustandsbeschreibung. Ohnehin macht die Arbeit mit und für den Handball viel zu viel Spaß, als dass ihr ein Lamento einfiele - auf die Frage, ob die Begeisterung für den Sport den mit dem Auszug der Söhne aus dem Elternhaus ende, überlegt sie kurz und sagt: "Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Vielleicht schon. Aber ich hätte dann doch eher mehr Zeit, mich um die HSG zu kümmern."

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