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09.09.2017 10:00 Uhr - 1. Bundesliga - Martin Granzow-Emden, SG BBM

Antje Lauenroth: Duale Karriere "ist für mich perfekt"

Antje LauenrothAntje Lauenroth
Quelle: Marco Wolf
"Wenn ich nicht Handball spiele, sitze ich in der Eisdiele oder bin den Verbrechern auf der Spur." So beschreibt sich Antje Lauenroth, Handballprofi der SG BBM Bietigheim, im Steckbrief der vereinseigenen Homepage. Wahrlich führt die 29-jährige eine Art Doppelleben zwischen Handschellen und Handballfeld. Die Kreisläuferin ist neben ihrem Engagement beim Deutschen Meister der Frauen Bundesliga nämlich Kriminalkommissarin.

Dabei wollte die gebürtige Haldenslebenerin gar nicht von Anfang an Polizistin werden. Je näher es aber dem Abitur zuging, machte sie sich Gedanken zu ihrer beruflichen Zukunft. Nur zu studieren reizte sie nicht so sehr und auch der Sport sollte sie weiterhin begleiten. Schließlich erfuhr sie von einem Bekannten, der bei der Polizei arbeitete, dass diese Sportler fördern. Die 170cm große Rechtshänderin bewarb sich kurzerhand, die Bewerbung war erfolgreich und schnell war für sie klar: "Das ist das Richtige!"

Wer bei Lauenroths Job jedoch an Szenen aus dem Tatort denkt, den muss sie leider enttäuschen: Statt Verfolgungsjagden und wilden Schießereien kümmert sie sich hauptsächlich um Wohnungseinbrüche im Polizeipräsidium Ludwigsburg. Wenngleich diese Delikte etwas weniger spektakulär als die Fälle im Fernsehen anmuten, werden sie nach Ansicht der Kommissarin oftmals unterschätzt: "Einbrüche zehren immer wieder an der Psyche der Geschädigten. Auf einmal fühlen sie sich zuhause nicht mehr wohl und haben große Angst vor Wiederholungstaten." Die besonderen Momente in ihrem Job sind für sie daher andere: "Wenn man den Geschädigten nach langen Ermittlungen endlich sagen kann: ´Wir haben den Täter gefunden´, gibt einem die Freude und Dankbarkeit in den Augen der Opfer enorm viel."

Dass sie neben dem Profisport noch einem "normalen" Beruf nachgeht, ist in ihrer Mannschaft die Ausnahme. Abgesehen von ein paar Studentinnen ist sie die Einzige, die noch wirklich arbeiten geht. Das alles sei, laut Lauenroth, nur machbar durch die Sportförderung des Landes Baden-Württemberg. Seit Juli 2016 wird sie von ihr unterstützt und kann die Arbeitsstunden dadurch so einplanen, wie es mit Trainings- und Spielplan vereinbar ist. Wenn ihre Mannschaftskolleginnen beispielsweise donnerstags um 12 Uhr zum Training kommen, war die Polizistin bereits von 7:30 Uhr bis 11 Uhr im Dienst.

"Das ist für mich perfekt, weil ich auch für meinen Kopf nochmal etwas Anderes brauche", wie sie erklärt. Auch wenn sie nach eigener Aussage für ihre Dienststelle manchmal eine kleine Belastung sei, könne die Polizei wiederum ja auch ein wenig stolz darauf sein, eine Deutsche Meisterin im Büro zu haben. Generell kommt Lauenroth bei ihren Jobs aber nicht durcheinander: "Früher war ich auch mal im Schichtdienst und hatte beispielsweise mit Leichen zu tun. Das habe ich dann aber auch nicht mit nach Hause genommen, sodass ich nachts Alpträume bekam oder ähnliches. Ich kann das also ganz gut voneinander trennen."

Lediglich bei den jährlichen Polizeimeisterschaften, bei denen sie schon zwei Mal erfolgreich war, kommt es gelegentlich zu Terminkollisionen. Gerade durch die internationalen Spiele mit Bietigheim lässt sich so ein Event manchmal nur schwer mit dem Verein koppeln. Ansonsten sind die Meisterschaften aber auf hohem Niveau, wie Lauenroth erklärt: "Letztes Jahr war Angie Geschke aus Oldenburg für Niedersachsen dabei, dieses Jahr spielt Verena Breidert, Torschützenkönigin der zweiten Bundesliga, für Baden-Württemberg. Aber auch Hessen hat traditionell ein sehr gutes Team, da einige Erstligisten aus Bensheim dabei sind." Bensheim war auch lange die sportliche Heimat der Wahl-Hessin.

Fast zehn Jahre lang hielt sie den "Flames" die Treue, ehe sie sich 2015 der SG BBM anschloss: "Als das Angebot aus Bietigheim kam dachte ich mir: Entweder mache ich es jetzt oder nie." Der Wechsel machte sich schon kurze Zeit später bezahlt, denn nach einer Saison der Superlativen wurde sie 2017 mit den SG-Ladies Deutscher Meister. "In so einer Konstanz zu spielen war schon wirklich einmalig. Natürlich habe ich mir das gewünscht einmal Meister zu werden. Aber das Ganze dann auch noch "zu Null" zu werden, war schon super", so Lauenroth.

"Ich dachte: Gegenüber denen bist du ein kleines Mäuschen."

Auch auf internationalem Parkett konnte sich die Rechtshänderin bereits beweisen, als sie im Juni 2017 ihr Debüt in der Frauen-Nationalmannschaft gab. "Neben der deutschen Meisterschaft war das nochmal ein riesen Highlight für mich. Ich war total aufgeregt aber auch stolz die Nationalhymne zu singen und für diese Mannschaft aufzulaufen." Das Team selbst hat sie gut aufgenommen und ihr nach dem Debut einen kleinen Glücksbringer geschenkt: "Das war eine sehr, sehr schöne Geste und ich habe mich dadurch noch wohler gefühlt." Wohl fühlt sich die Nationalspielerin auch bei der SG und schätzt vor allem die Professionalität im Verein. Hier spielt sie mit Spielerinnen zusammen, die sie vor ein paar Jahren noch angehimmelt hat. "Ich dachte mir damals nur: Gegenüber denen bist du ein kleines Mäuschen. Jetzt spiele, trainiere und lache ich mit ihnen zusammen. Das ist schon toll."

Sportlich läuft es also rund für "Schlaui", wie sie von ihren Mitspielerinnen liebevoll genannt wird. Im Team hat sie in Kim Naidzinavicus außerdem eine Freundin fürs Leben gefunden, mit der sie auf aber auch neben dem Spielfeld viel Zeit verbringt: "Jeder weiß, wie die andere tickt. Dadurch ist es natürlich immer sehr schön mit ihr zusammen zu spielen", schwärmt die "Nummer 5" der SG. Man könnte meinen das Lauenrothsche Glück sei ohnehin schon perfekt, doch da wäre noch eine Sache: Antjes Freund Jan Döll spielt ebenfalls bei der SG. Die beiden haben sich in ihrer Zeit in Bensheim erst kennen- und etwas später in Bietigheim schließlich lieben gelernt: "Das hat sich alles ganz langsam entwickelt. Inzwischen ist es aber wirklich schön, den anderen nach dem Training kurz zu sehen und sich auszutauschen. Es ist ein großes Glück im gleichen Verein zu spielen."

Spielen möchte die 29-jährige noch möglichst lange. Wenn es nach ihr ginge am liebsten noch fünf Jahre auf diesem Niveau. Lauenroth fühlt sich so fit wie nie zuvor und ist von schlimmen Verletzungen in ihrer Karriere bisher verschont geblieben. Daher blickt sie den verbleibenden Jahren erwartungsvoll entgegen: "Ein Traum ist es auf jeden Fall noch den DHB-Pokal zu gewinnen. Im besten Fall wäre das in einem Double." Dies würde nicht nur der Mannschaft, sondern auch vor allem ihr selbst eine Art persönliche Genugtuung verschaffen: "Beim letzten Saisonspiel in Thüringen wurde über das Mikrofon gesagt: ´Herzlichen Glückwunsch Bietigheim, aber einmal ist keinmal´. Das möchte ich so nicht stehen lassen, sondern lieber zeigen: Wir können das auch ein zweites Mal schaffen."

Wie ihr Leben nach der Karriere aussieht, ist noch offen: Eine Aufgabe im Handball kann sie sich derzeit aber genauso gut vorstellen, wie künftig noch mehr Verantwortung bei der Polizei zu tragen: "Den Job als Kriminalkommissarin habe ich nie bereut. Das ist ein super Beruf, der sehr abwechslungsreich ist und mir großen Spaß macht." Gleichwohl in welcher Funktion sie einmal tätig sein wird: Lauenroth ist zielstrebig, ehrgeizig und gibt auf und neben dem Platz stets ihr Bestes. Damit neben all ihren vielseitigen Aufgaben auch noch ein wenig Freizeit bleibt, muss sie sich gut organisieren. Wenn zwischen Tore- und Verbrecherjagd aber doch mal eine freie Minute bleibt, findet man sie am ehesten in der Eisdiele. Am liebsten im Eiscafé "Olivier" in Ludwigsburg, aber auch das Bietigheimer Lannuzzi hat es ihr angetan: "Da gibt es ein sehr, sehr gutes Raffaelo-Eis. Das schmeckt mir am besten."

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